Montag, 23. Mai 2011

Einheit 3 - 1.Stunde: Raum I (16./17.5.)

Mit dieser Einheit 3 wechseln wir zu einem den beiden vorangegangenen Einheiten völlig entgegengesetzten Ansatz. Alle Linkshirner werden jubeln, der Rechtshirner stöhnt und jammert...;-))

In der Einheit 1 entdeckten Sie die expressiven Möglichkeiten Ihres Zeichnens, in Einheit 2, mit dem Schwerpunkt bei der Wahrnehmung, die impressiven  Qualitäten des Zeichnens. Nicht von ungefähr korrespondieren diese Ansätze mit kunstgeschichtlich näheren Stadien der Entwicklung der Zeichenkunst. Schauen Sie sich Zeichnungen des Expressionismus und Impressionismus an, Sie werden entdecken, wie nah unsere Übungen diesen Strömungen sind. Auch alle folgenden Stile des 20. Jahrhunderts sind verwandt (z.B. Abstrakter Expressionismus, Informel etc). Sie alle teilen im Kern zumindest eines, dass sie allesamt ihren Schwerpunkt in der Persönlichkeit des Zeichners haben und mehr oder weniger ihre eigene Gesetzmässigkeiten entwickeln.
Sie sind also im Wesentlichen individuell und subjektiv - und zumeist originell. Diese Mindestanforderung kennzeichnet die Moderne.

Mit der Einheit 3 fallen wir nun kunsthistorisch sehr weit zurück, bis mindestens zu Phidias, dem griechischen Bildhauer um etwa 500 v.Chr., oder wenigstens zum Beginn der Renaissance in Europa im 14. Jahrhundert.

Wenn man von einer klassischen und soliden Grundausbildung im traditionellen Zeichnen spricht, meint man diesen Lehrplan, den ich Ihnen in dieser Einheit in einem Schnelldurchlauf skizzieren möchte.
Für viele ist dies gleichbedeutend mit "richtig" zeichnen lernen.
Ich möchte diese Frage hier nicht diskutieren und beantworten, welcher Ansatz nun zum richtigen Zeichnen führt. Ich kann nur jetzt schon sagen, dass Sie  als Zeichner alles angeschaut, beurteilt und ausprobiert haben sollten, um Ihren eigenen Weg zu finden. Vergessen Sie jedenfalls alles bisher Gelernte nicht!

Die Einheit 3 hat folgende Themen:

1 RAUM - wie man eine dreidimensionale Ansicht in eine zweidimensionale so verwandelt, dass es die Illusion von Räumlichkeit in einer Zeichnung schafft. Dass dies eine Abstraktion ist und bleibt und zudem ein kulturelles Phänomen ist, sollte Ihnen zu denken geben.
Das Thema des Raumes zieht sich durch die ganze Einheit. In der ersten Stunde geht es zunächst nur um ganz simple Feststellungen, dass man weiss, wo oben und unten und vorne und hinten ist und um den Sonderfall der Verbiegungen und Verkürzungen.

2 MASSE und VOLUMEN - mit dem Wegfall des scharfen S in der Großschreibung haben wir hier eine schöne Doppeldeutigkeit. In dieser Einheit geht es um beides: Das Messen, also das Maß der Dinge und zugleich um deren Volumina, deren Masse. Und ganz einfach gesagt, geht es darum, Verfahren zu finden, die Ausdehnung und Wölbung von Körpern zu sehen und in 2D-Ansichten zu abstrahieren.

3 PROPORTIONEN - was sich im Vorangegangenen beim Messen und in der Beobachtung der Wölbungen der Dinge andeutete, wird hier genauer untersucht: Wie sehr Form durch das Verhältnis der Teile zueinander und dem Umgebenden bestimmt sind. Dass es so etwas wie Rhythmen in der Gestaltung gibt und dass es schon immer Versuche gab, diese in mehr oder weniger fassliche Formeln zu pressen. (Kleiner Ausflug in die Mythen und Legenden zum Goldenen Schnitt, oder: Was die Karnickelvermehrung, Phidias und die Schönheitschirurgie gemeinsam haben...)

4 PERSPEKTIVE - alle bisher gemachten Beobachtungen scheinen in einem Konzept der Gesamtsicht der Dinge plausibel und konstruierbar aufzugehen - wenn man den Blick fixiert auf wenige unbewegliche Punkte. Der Reiz dieser Konstruktionen liegt in der beschaulichen Dauer eines beinahe ewigen Anblicks der Dinge - und den konstruieren wir quasi mathematisch mit Zirkel und Lineal. Zumindest ansatzweise.
Einfach ausgedrückt, zeige ich Ihnen 2,3 traditionelle und klassische Ansätze, eine plausible Gesamtraumansicht zu zeichnen, in der die Dinge am richtigen Platz sind..."wie in echt"!

5 LICHT/SCHATTEN und TEXTUR - die Konstruktion von Licht und Schatten schliesst sich direkt an das Thema des Raumes an. Licht und Schatten folgen den Prinzipien des (gedachten oder konkreten) Raumes, in dem sich eine Lichtquelle (ob künstlich oder natürlich) befindet. Dass das Licht und der Schatten zudem noch ein Licht auf die Qualität der Oberflächen werfen, werden Sie sehen.



Die Mysterien des Raumes, Teil 1 (Mikroraum) :

Zum Auftakt nähern wir uns dem Raumphänomen in ganz kleinen Schritten, die aber einen großen Unterschied machen.
Wir sehen das Phänomen des Raumes als ein ganz einfaches Hinter- und Übereinander der Formen, die sich überschneiden und verdecken.
Die Ihnen ausgeteilte Übung aus Daucher S.48 zeigt Ihnen das auf einfachste Weise. Bitte zeichnen Sie diese Übungen nach, erfinden Sie weitere Schichtungen, Überschneidungen, Hinter- und Übereinandergeschichtetes.




Ich habe Ihnen anhand zweier ungleich grosser Tonkugeln, die sich zu einer Form verbunden als eine sehr vereinfachte Birne deuten lassen, gezeigt, dass es an sich nur 3 verschiedene Grundformen der Überschneidung gibt, die dem Auge plausibel andeuten, von wo aus man auf einen Gegenstand schaut. Und dabei spielt es keine Rolle, wie gross die Form im Vordergrund ist, die Art der Überschneidung zeigt eindeutig, wo vorne und hinten oder oben und unten ist.


Lediglich ein Sonderfall existiert, in der eine Form von Verdrehung dargestellt wird. Diese Art der Überschneidung werden Sie häufig anwenden müssen, wenn Sie bewegte Menschenkörper zeichnen.

Dieses Darstellungsprinzip ist schnell erklärt und leicht zu verstehen. Seltsamerweise existieren dennoch tonnenweise Zeichnungen von Zeichnern, die diese Beobachtung niemals gemacht zu haben scheinen. An organisch geformten Körpern in der Natur sind diese Überschneidungen subtil und vielfältig, machen aber richtig verstanden den Kern einer glaubhaften Darstellung von Körperlichkeit aus. Ohne die genaue Beobachtung dieses Phänomens nutzt Ihnen jede noch so ausgefeilte Perspektivkonstruktion und Licht -und Schattenmagie nichts, sie kriegen den Apfel oder die Birne oder was auch immer nicht "rund" und schon gar nicht zum liegen...


Warm-Ups:
Wir bleiben weiterhin bei unseren gestischen Zeichnungen von posierenden Menschen, legen dieses Mal aber Wert auf die Beobachtung von Überschneidungen. Ratsam wäre es, sich mit einem Detail einer Pose zu befassen (wie ein Arm aus dem Rumpf kommt, oder wie ein Kopf auf selbigem sitzt...)
Wir zeichneten 2 Sequenzen von 5 1'-Posen und 2 5' Posen.





Übung des Abends:

Formen Sie aus einem Klumpen Ton oder Plastilin 2 ungleich grosse Kugeln und verbinden Sie diese zu einer birnenähnlichen Form.
Markieren Sie die Mittelachse des Körpers durch das Durchstechen eines Holzstäbchens (Schaschlikspiess tuts auch).
Zeichnen Sie dieses Gebilde aus allen nur denkbaren Positionen, von oben, unten, links, rechts, vorne und hinten und achten Sie insbesondere darauf, wie sich die Konturüberschneidungen verhalten, je nachdem, von wo aus Sie auf das Objekt schauen.




Aufgabe: "93 Birnen" auf 60x40 cm
Hausaufgabe: Daucher S.48 zeichnen und verstehen. 1 Kilo Birnen zeichnen.

Montag, 16. Mai 2011

Einheit 2 - 2.-4. Stunde: Mit der Rechten Hirnhälfte zeichnen II



Ich fasse die letzten Stunden (2.-4. Stunde vom 18./19.4 bis 9./10.5.) in diesem Text zusammen, da diese Einheit sowieso in einem Zusammenhang gesehen werden muss.

Sie haben in der ersten Stunde der Einheit 2 erfahren, dass es einen anderen Zugang zur Zeichnung und Wahrnehmung gibt, der unabhängig davon ist, was wir vermeintlich über das Aussehen der Dinge wissen.
Ja mehr noch, wir haben feststellen können, dass wir unbewusst gar nicht mehr genau hinschauen, sondern so starke Konzepte über das Aussehen der Dinge in uns haben, dass wir (fast) alles aus dem Kopf zeichnen können, zumindest in groben Umrissen.

Aber genau dieses - symbolische - Vorwissen steht uns als Zeichner immerzu im Weg.
Wir zeichnen eine Art "abgekürzte" Realität, die nur auf das vermeintlich Wesentliche zielt und das vermeintlich Nebensächliche weglässt.
So kommt es zu Stande, dass wir z.B. beim Zeichnen eines menschlichen Kopfes gerne die für uns wesentlichen Informationen über Augen, Nase und Mund übergross und prominent zeichnen und "unwichtige" Partien wie die Stirn oder das Kinn vergessen oder zumindest unterproportional zeichnen. (Ich habe Sie in unserer ersten Stunde am 15. März einen Kopf zeichnen lassen. Vergleichen Sie bitte Ihr Ergebnis mit der oben ausgesprochenen Vermutung. Stimmts? Sind die Proportionen in Ihrer Zeichnung "realistisch" oder symbolisch?)

Diese Haltung kann man "Antizipation" nennen, d.h. wir sind geneigt, alle unsere Wahrnehmung spontan mit unserer Seherwartung zu vergleichen und nehmen das Ergebnis des Sehens oder Sehexperiments gerne vorweg - weil wir das so gelernt haben und weil es uns im Alltag dabei hilft, die Dinge in - bewährter - Ordnung zu halten. Und das ist gut so - aber halt eben nur im Alltag.

Für den Zeichner aber ist diese Antizipation (also "Vorwegnahme") das reine Gift, denn sie verhindert die wirkliche Begegnung mit den Dingen der Welt und die Aufregung der Entdeckung der Wirklichkeit. Und damit vor allem, die Dinge zu sehen, wie sie sind, um sie zeichnen zu können, wie man sie sieht. Geht der Zeichner nicht daran, diese Vorurteile zu überwinden, bleibt ihm zumeist nur übrig nachzuahmen, was ein anderer vor ihm gesehen und erarbeitet hat. Und solches Zeichnen ist ohne Belang.

Der Kern der 2.Einheit kreist also darum, diese Vorwegnahmen und das symbolische Sehen
überhaupt erst einmal zu erkennen und mit Hilfe einiger "Tricks" zumindest zu schwächen.

Betty Edwards Ansatz ist hierbei sehr hilfreich. Sie geht davon aus, dass wir als Zeichner die Möglichkeit haben, uns ganz gezielt mit Hilfe einiger ungewöhnlicher Haltungen und Sehweisen zumindest für kurze Zeit so etwas wie ein unmittelbares und unvoreingenommenes Sehen zu ermöglichen. D.h. wir versuchen es, uns die alltäglichsten Anblicke etwa einer Hand, einer Blume, eines Steins etc. für kurze Zeit so "fremd" zu machen, dass wir sie wie zum ersten Mal überhaupt sehen. Sicherlich klingt das nach einem vielleicht etwas zu hoch gegriffenen Versprechen, aber ich verspreche Ihnen trotzdem, dass Sie mit einiger Übung tatsächlich so etwas wie einen frischen, unverbrauchten Blick auf die Dinge entwickeln können.

Das wichtigste Ziel der Einheit besteht darin, sich ganz mit dem Sehen, Hinschauen und Wahrnehmen (fällt Ihnen auf, was das Wort sagt: Für-Wahr-Nehmen! "Nehmen" vor allem!) zu beschäftigen.

Und nachdem wir in der Einheit 1 schon feststellen durften, welch wunderbares, differenziert ausdrucksfähiges Werkzeug unsere Zeichenhand ist, bekommen wir in dieser Einheit dafür gleich auch noch ein noch grossartigeres "Steuerinstrument" mit: Das Auge, bzw. gleich deren 2!

Unsere Übungen zielen also darauf, die Verbindung der Zeichenhand mit der unvoreingenommenen Wahrnehmung Ihres Auges herzustellen.
Ich spreche hierbei von einer notwendigen "Synchronisierung" von Auge und Hand. D.h. wenn Sie es eine Weile geübt haben und das Unsicherheitsgefühl beim sog. "Blindzeichnen" zunehmend verlieren, wird sich automatisch eine Art von "seismografischer" Haltung einstellen. Was Ihr Auge sieht, wird Ihre Zeichenhand in die entsprechenden Linien, Kurven, Bögen übersetzen.
Mir ist klar, dass das ungewohnt ist und noch lange bleibt, aber mit der Zeit garantiere ich Ihnen eine deutliche Veränderung in Ihren Zeichnungen. Die Linien bekommen statt symbolischer Abstraktionen so etwas wie Leben eingehaucht.

Die Dinge schauen anders aus, als wir meinen.

Dass Ihr Auge, also Ihr unvoreingenommenes Hinschauen und Versenken in den Anblick der Dinge viel stärker mit der rechten Hirnhälfte und deren besonderen Leistung für das umfassende Sehen verknüpft sei, ist die Grundaussage des Ansatzes von Betty Edwards. Ihre Aussagen stützen sich auf Ergebnisse der Hirnforschung Ausgangs des 20.Jahrhunderts, die sie für den Zeichenunterricht nutzbar macht. Ihre Methode hat sich in der Tat als produktiv erwiesen.
Auf ihre Argumentation kann ich an dieser Stelle nur verweisen. Wen es in der Tiefe interessiert, dem empfehle ich, das in der ersten Stunde genannte Buch zu lesen.
Wer entdeckt, dass ihn dieser Ansatz tatsächlich weiterbringt, dem empfehle ich für die praktische Übung unbedingt das genannte "Workbook" (= Arbeitsbuch).

Hier ein Auszug aus Betty Edward, Garantiert Zeichnen lernen, S. 56, Die zwei Hälften unsere Gehirns:








Hier stehen sich die Leistungen der beiden Gehirnhälften gegenüber. Als Zeichner ist dabei von Belang, wie man in seiner Arbeit die Einsprüche des kontrollierenden L-Modus mindert und die Fähigkeiten des zusammenfassenden, ästhetischen R-Modus aktiviert.
(Bitte auf die Abbildung klicken. Die Vergrösserung erscheint in einem neuen Browserfenster, das Sie dann ausdrucken können).


Die Übungen dieser Einheit geben Beispiele dafür, auf welche Weise und mit welchen Hilfestellungen man seine rechte Hirnhälfte aktiviert:


Abende 18./19. April.:

Übung 1
20 Minuten Konturzeichnen eines Sammelsuriums vieler Einzelgegenstände auf einer Unterlage.
Es ging darum, sich auf eine Augenreise entlang der Gesamtansicht der Gegenstände zu machen, ohne allzu sehr auf die Einzelobjekte einzugehen. Ich habe mit der Übermenge von Gegenständen ganz bewusst eine visuelle Überforderung im Sinn, Sie sollten sich also ganz auf Ihr Auge verlassen, da ihr innerer Controletti da ganz schnell aufgibt, zumindest sollte er das... Abwege ins Innere des Stillebens sind selbstverständlich zugelassen!














Übung 2:
Konturzeichnungen einzelner Objekte dieses Stillebens. Es ging darum, sich mit jedem einzelnen Objekt relativ lange auseinanderzusetzen. Innen und Aussen.























Ziel aller Übungen der Einheit 2 ist immer, sich dazu zu bringen, immer länger auf das Objekt zu schauen als auf das Zeichenblatt. Die Objekte sollten nahezu "blind" gezeichnet werden. Nur so ist die Verbindung von Wahrnehmung und Zeichenhand herzustellen.
Wagen Sie es doch einmal, alles was Sie sehen, völlig blind zu zeichnen, ist doch egal, ob alles auf dem Blatt ordentlich anfängt und aufhört. Es kommen sehr poetische Ansichten alltäglichster Dinge zu Stande...


Abende 2./3. Mai:

Die Übungen des Abends kreisten um das Phänomen des "Negativen Raumes". D.h. nachdem wir nun gelernt haben, die Grenze eines Objektes nach aussen hin zu beobachten, um so die Kontur eines Gegenstands darzustellen, lernen wir an diesem Abend, Gegenstände von ihrer Umgebung her zu sehen. Wir stellen fest, dass die Kontur ja auch von dem umgebenden Raum her geprägt wird. Manchmal ist es leichter, einen komplizierten Gegenstand zu zeichnen, indem wir wiedergeben, welche Form der Hintergrund darstellt. Zeichnen Sie einfach mal alles, was auf einem Tisch liegt so, dass Sie nur die Formen der freien Flächen des Tischs zeichnen...

Übung 1:
20 Minuten Zeichnung eines umgedrehten Stuhles (2.Mai) bzw. eines Spinnrades (3.Mai) auf einem Tisch.

Übung 2:
20 Minuten Zeichnung eines Blumenstrausses.

Es ist bei beiden Übungen insbesondere darauf zu achten, welche Form die "Löcher", also Durchsichten und damit der Hintergrund des Gegenstands hat.

(An diesen Abenden hatte ich meine Kamera nicht mit dabei. Falls Jemand von Ihnen eine Fotografie oder einen Scan seiner Zeichnung gemacht hat, würde ich diese gerne nachträglich hier noch gerne einfügen!)


Abende 9./10.5.:

An diesem Abend habe ich Ihnen die Verwendung unterschiedlicher Zeichenfedern vorgeführt und Ihnen zum Probieren gegeben. Wenn es auch anfangs schwieriger erscheint, unterstützt das Zeichnen mit der Feder die Entwicklung eines guten Strichs. Gerade die Übungen zum Konturzeichnen eignen sich besonders gut dafür. Gerade auch das häufige Eintauchenmüssen z. B. unterstützt nebenbei auch noch, dass man nicht zu eilig Linien "hinhaut", sondern geduldig und langsam arbeitet.

Wenn Sie feststellten, dass das Federzeichnen "Ihr Ding" (einige von Ihnen habe ich da im Auge...) ist, dann empfehle ich Ihnen diesen Händler, der alte und gut brauchbare Zeichenfedern handelt. Alles, was Sie sonst so üblicherweise im Schreibwarenhandel oder sogar bei boesner bekommen, ist absolut untaugliche, schlecht produzierte Ware, weil diese Kultur seit Jahrzehnten perdü ist...

http://www.kalligraphie.ch
Schreibfedern, Spitzfedern, Zeichenfedern sind die richtigen Rubriken!

Übung 1:
Wir haben die Übung der blinden Handzeichnung um eine Dimension erweitert, indem wir nun mit der Feder langsam sowohl der Aussenkontur aber auch der Innenkontur folgen. Innenkonturen sind Entscheidungssache des Zeichners/der Zeichnerin, welchem der vielen möglichen Wege er/sie durch die Landschaft seiner/ihrer Hand (oder eines anderen Gegenstands) folgen möchte:



Übung 2:
Suchen Sie sich einen beliebigen Gegenstand in Ihrer Umgebung und zeichnen Sie ihn auf die gleiche Weise wie oben, indem Sie zunächst die Kontur aussen, dann aber auch einen selbst organisierten Trip ins Innere des Objektes zeichnen:




Ein weiterer wichtiger Part der vergangenen Stunden war das sog. "Gestische Zeichnen", das ich in seinen Grundzügen schon in der ersten Stunde der Einheit 2 skizzierte. Hier ging es darum, mit den Mitteln, die wir bisher erarbeitet haben, posierende Menschen schnell zu erfassen. In der Regel haben wir Sequenzen von 1-Minuten-Posen gezeichnet, in der letzten Stunde fügten wir 2 Sitzposen über 5 Minuten an, die ein etwas anderes Herangehen erforderten. 

Wenn Sie Ihre Ergebnisse hier sehen, werden Sie wohl kaum glauben, dass Sie das waren. Ich bin begeistert davon, wie lebendig Ihre Zeichnungen geworden sind:









Da ich, wie Sie sehen, endlich wieder Bilder veröffentlichen kann, werde ich in den nächsten Tagen weitere Fotos aus der Reihe der "Gesten" hier einstellen, auch aus den vorangegangenen Stunden. Sie werden verblüfft sein, wie gut die Arbeiten geworden sind!


Montag, 18. April 2011

Einheit 2 - 1. Stunde: Mit der Rechten Hirnhälfte zeichnen

Der seltsame Titel dieser Einheit wird sich Ihnen nach und nach erklären.

Paradoxerweise hat die Autorin, auf die ich mich in dieser Einheit vornehmlich stütze, in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein sehr umfangreiches theoretisches Buch geschrieben, um eine Zeichenmethode zu erklären, deren Anwendung durch Beschreibung eher erschwert wird, weil diese genau die Instanz des Gehirns anspricht, die dieser speziellen Art der Wahrnehmung entgegensteht.
Es ist nicht das erste und nicht das letzte Paradoxon, das ich Ihnen zumuten werde. Die Kunst ist an sich schon ein Paradoxon, überhaupt...

Es wäre nun widersinnig, wenn ich Ihnen also wie sonst vorab eine Erklärung und Theorie voranschickte, um dann von Ihnen zu verlangen, dass Sie die Erklärung besser gleich wieder vergessen, um aus einer anderen Region des Gehirns und der Wahrnehmung arbeiten zu können.

Ich verlasse mich also vorerst darauf, dass Sie spüren und erfahren werden, was sich dahinter verbirgt. D.h. wir werden die ersten beiden Stunden (am 11./12.4. und 18./19.4.) mit praktischen Übungen beginnen, die Sie hoffentlich stutzig werden lassen. Die Theorie dazu folgt dann nach Ostern.

Die sog. Warmups bzw Lockerungsübungen begleiten diese Übungen auf einer parallelen Ebene.
Hier geht es darum, erste Bekanntschaft damit zu machen, dass Sie sich Ihren Augen, Ihrer Wahrnehmung überlassen lernen und Ihr Zeicheninstrument Ihren Beobachtungen zu folgen hat. Sie zeichnen möglichst "blind", d.h. Sie sollten sich nach und nach dazu bringen, immer weniger auf das Zeichenblatt zu sehen, sondern ganz beim Modell, dem Anblick zu verweilen und Ihre Zeichenspur eher wie eine Art "Seismogramm" geschehen zu lassen.
Ich weiss, das ist auf Anhieb nicht einfach. Man wehrt sich gegen den drohenden Kontrollverlust.
Das Ziel, die Belohnung dieser erst einmal ungemütlichen Erfahrung ist eine mehr oder weniger geglückte "SYNCHRONISATION" von Auge und Hand.
Je mehr Sie sich auf das Blindzeichnen einlassen, desto deutlicher wird diese Verknüpfung hergestellt.


Warmups der Einheit 2

Gestische 1-Minuten-Posen:

In dieser ersten Annäherung geht es darum, ein Modell, das jeweils für eine Minute stillsteht und "posiert", auf einfachste Weise relativ schnell zu zeichnen.
Auf dieser ersten Stufe spielt es gar keine Rolle, wie Sie das machen. Es kann so schlecht wie möglich geschehen. Ich möchte geradezu, dass Sie zuerst so schlecht wie möglich zeichnen.

Es geht also erst einmal nur darum, dass Sie

- überhaupt hinschauen lernen,
- dass Sie erleben, was 1 konzentrierte Minute bedeutet und ein Gefühl für die Zeichenzeit entwickeln,
- dass Sie einfache Unterschiede sehen lernen: Ist das Modell aufrecht, gebeugt, sitzend, liegend, gespannt, schlaff usw.

Klingt nicht nur banal, ist es auch. Aber entscheidend wird nun, dass Sie den Kern dieser Beobachtungen an Ihre Zeichenhand mitzuteilen lernen. Auf dieser ersten Stufe geht es nicht um schöne Zeichnungen von den Modellen (ob Menschen oder den Dingen um Sie herum), sondern egal wie angespannt und nervös Sie das auch machen wird, es geht darum, ein irgendwie geartetes Bündel oder Knäuel von Linien analog zu Ihrer Beobachtung auf das Blatt zu bringen - unwichtig, ob man eine menschliche Gestalt darin erkennt oder nicht - das kommt noch! Das verspreche ich Ihnen.

Der eigentliche Lerninhalt, der unter der Hand damit entwickelt wird, ist eine Art von Mitgefühl/Empathie, die sich mit der Beobachtung entwickelt. Eine Zeichnung hat nur dann Belang, Wirklichkeit und Qualität, wenn Sie durch die Realität Ihrer Wahrnehmung gegangen ist. Sie können eine sitzende Figur nur dann erkenn- und nachfühlbar zeichnen, wenn Ihr Strich glaubhaft versichert, dass Ihnen das abgebildete Phänomen "Sitzen" bekannt ist.
("Ideomotorisches Zeichnen" möchte ich das nennen, solange ich keinen besseren Begriff kenne. Das bedeutet, dass sich quasi automatisch ein durch die Beobachtung ausgelöstes Gefühl für das Gegenüber auf die zeichnende Hand überträgt und die Linie mitgestaltet)

Wir werden in dieser zweiten Einheit die Warmups oder Lockerungsübungen mit ca. 15-20 1-Minuten-Posen beginnen. Ich werde allerdings jedesmal eine neue Herangehensweise vorschlagen.

Am 11./12.4. wurden diese Posen im "Freistilzeichnen" angefertigt, d.h. aus dem Bauch heraus wie es gerade kommt...


Übungen zur Einheit 2:

1.) Profile/Pokal-Bild
Zeichnen Sie als Linkshänder auf die rechte Seite eines A4-Querformats ein menschliches Kopfprofil, das nach links schaut. Als Rechtshänder beginnen Sie auf der linken Seite, das Kopfprofil schaut nach rechts..
Benennen Sie beim Zeichnen die Teile, die Sie zeichnen: Das ist die Stirn, das ist die Nase, der Mund, das Kinn usw.
Zeichnen Sie sodann die symmetrische Entsprechung auf der anderen Seite des Blattes, sodass sich beide Profile zu einer "Pokal- oder Vasenfigur" ergänzen.
Registrieren Sie, dass Ihnen bei der Anfertigung des zweiten - antwortenden - Profils völlig egal ist, WAS genau Sie da zeichnen, sondern wie sehr es viel wichtiger wird, WIE Sie es zeichnen und dass es eine ungefähre Entsprechung zum ersten Profil wird.
Sie urteilen dabei unversehens nicht mehr sachlich und logisch, sondern ästhetisch - und genau darum geh es in dieser Einheit! Das ist, so banal es zunächst auch aussehen mag, eine ganz andere Welt und eine ganz andere Herangehensweise an die Erscheinungen der Welt. Hier entspringt der Zeichner in Ihnen.

2. Offene komplexe Symmetrie
Die oben beschriebene Beobachtung können Sie anhand beliebiger Symmetriefiguren immer wieder erfahren und üben. Zeichnen Sie als Linkshänder auf die rechte Seite eine komplexe, irgendwie geformte Linie von oben nach unten und wiederholen Sie die entsprechende symmetrische Figur auf der gegenüberliegenden Seite. Es sollte ein mehr oder weniger gelungener "Rotationskörper" entstehen.


3. Strawinsky auf dem Kopf
Anhand einer auf den Kopf gestellten Figurzeichnung Picassos des Komponisten Strawinsky erfahren Sie, dass Sie mit dieser Methode erstaunlicherweise sehr komplexe Kopien zu zeichnen in der Lage sind, die Sie sich unter normalen Umständen nie zugetraut hätten.
Der "Trick" besteht darin, dass Sie durch das Auf-den-Kopf-Stellen die vernünftige Zuordnung verstören und der Zwang zur Benennung und Identifikation der Bildteile gezielt erschwert wird, sodass er sogar ganz nachlässt.. Irgendwann gibt Ihr interner "Besserwisser" auf und lässt die ästhetische Seite des Gehirns ihre Arbeit tun...und dann erst wird es was.
Die Theorie dazu folgt nach Ostern!

4. Zeichnen der eigenen (freien) Hand
Hier geht es nicht darum, eine perfekte Zeichnung der kompletten Hand zu fertigen, sondern darum, sich sehr viel Zeit mit der genauen Betrachtung eines sehr komplizierten Gegenstands zu lassen.
Sie sollten Sich vom Zeichenblatt abwenden, möglichst nur auf die in bequemer Pose verharrenden Hand schauen, Ihr Auge zunächst nur auf einer Stelle der Aussenkontur ruhen lassen und erst dann mit langsamem Zeichnen des Gesehenen fortfahren, wenn Sie sich sicher sind, dass die Bleistiftspitze eins geworden ist mit dem Punkt, auf den Ihr Auge schaut.

Das braucht lange und viel Übung. Aber genau hier ist der Kern der ganzen Zeichnerei dieser Einheit. Bitte üben Sie diese Erfahrung so oft es geht auch zu Hause. Es genügen einige Minuten, bis Sie es eines Tages immer besser beherrschen und zu spüren gelernt haben, wann diese Synchronisation einsetzt. Es ist eine fantastische Erfahrung, wenn Sie selbst zum Bleistift werden...Zeichnen Sie so "Augenreisen" durch alles, was vor Augen liegt...

Zeichnen Sie langsam und bedächtig jede Einzelheit, jede Falte, jedes Härchen, jede Biegung. Setzten Sie auch ruhig da und dort ab und beginnen Sie irgendwo wieder mit der gleichen Prozedur. Addieren Sie diese Ansätze neben- und übereinander, der Formzusammenhang spielt jetzt erst einmal keine Rolle. es entstehen womöglich monströse Gebilde - das ist so gewollt.

Es geht nicht um die formal korrekte Zeichnung - es entsteht mit der Zeit und Übung nebenbei und mit eigener Poesie, die oft wenig mit "Hand" im herkömmlichen Sinn zu tun hat, eine Art von Zeichnung, die etwas vom wirklichen Leben gelernt hat.
Dieses langsam Abgeschaute wird Ihr Vokabular für die Sprache der Zeichnung, da Sie bzw. Ihr fantastisches Gehirn diese Elemente sammelt und ihrer Linie nach und nach zufügt. Nur so lernen Sie wirklich hinzuschauen und Ihre Linie mit lebendiger Erfahrung "aufzuladen". Und darum geht es.
Wenn Sie diese Übung etliche Male gemacht haben, ein ganzes Blatt voller Fragmente der Beobachtungen an Ihrer Hand (und anderer Dinge, aller Dinge), werden Sie deutlicher wissen, wie eine lebendige Hand oder jedes andere Ding zu zeichnen ist.

So kann man das mit allen Dingen der Welt üben. Zeichnen Sie bitte so auch die "hässlichen", alltäglichen, banalen und trivialen Dinge um Sie herum - Sie werden feststellen, dass selbst z.B. eine blöde Steckdose mysteriös werden kann (und dabei muss man nicht unbedingt gleich an Fukushima denken, darf man aber...)
Zeichnen Sie langsam, mit Bedacht. Bleiben Sie bei der reinen Linie, "skizzieren" Sie nicht, sondern setzen Sie die Linie selbstbewusst und bestimmt als startende und endende Linie.
Die letzte Übung ist der Auftakt zu dem, was man in der traditionellen Zeichnerei das "Sachzeichnen" nennt. Alle weiteren Elemente wie Raum, Perspektive, Hell/Dunkel-Valeurs, Textur etc. werden Sie in Einheit 3 zur Genüge kennenlernen. Der Erfahrungs- und Wissenshintergrund dazu wird aber in dieser Übung gelegt. Sie lernen das Hinschauen, indem Sie hinschauen - schauen Sie gerne länger, als Sie zeichnen. Sie brauchen Pausen bei dieser Übung, denn sie ist anstrengend.


Buch des Abends:

Betty Edwards,
Das neue Garantiert zeichnen lernen - WORKBOOK
19,90 €
Überall sonstwo aber auch bei Amazon
(Die deutsche Übersetzung ist leider ungeschickt und reisserisch. Die Originalausgabe heisst:
Drawing on the Right Side of the Brain - was die Sache besser trifft! )

Betty Edwards Buch erschien Ende der 1970er Jahre erstmals in den USA und ist in seiner ursprünglichen Form ein wortreiches Plädoyer für eine bis dahin kaum bewusste und wenig bekannte, zunächst fragwürdige und gar esoterisch geltende Herangehensweise an das Zeichnen. Daher der Überhang an Erklärung und die relativ kleine Menge an konkreten Übungen und Beispielen.
(Wen es genauer interessieren sollte, dem kann ich auch gerne Literatur nennen, die ich bei meiner Recherche zu etwaigen Vorläufern dieser Methode gefunden habe. Allerdings handelt es sich dabei fast ausschliesslich um englischsprachige, amerikanische Literatur).
Nachdem sich nun diese Methode weitgehend durchgesetzt hat und weltweit sehr viele Künstler und Lehrer damit arbeiten, folgte wenig später ein Arbeitsbuch/Workbook, das auf den theoretischen Hintergrund weitestgehend verzichtete und ihn nur skizziert, wo nötig.
Ich empfehle Ihnen dieses Workbook, wenn Sie entdecken sollten, dass Sie diese Methode vorwärts bringt.

Künstler des Abends:
Picasso
Egon Schiele


(Bilder dazu werde ich veröffentlichen, wenn ich wieder einen funktionierenden Zugang zum Internet habe - falls die Telekom das je hinkriegen sollte...)

Einheit 1 - 4.Stunde: Textur

Nachdem wir in der vergangenen Stunde mit grosszügigem und entspanntem Blick auf das "Grosse Ganze" zu achten lernten, steht diesmal das Gegenteil an (Sie sehen schon, ich mag es, in Gegensätzen/Polaritäten zu denken):
Der geduldige, scharfe Blick auf das allerkleinste Detail.

Im Kern geht es um die zeichnerische Feinstruktur, d.h. statt wie bisher locker zu kritzeln, sollen sie heute geduldig ins allerkleinste Detail der Zeichnung gehen.
Ihre Phantasie ist gefragt, wenn Sie so viele Kleinstelemente, Kürzel aus allen nur denkbaren visuellen Bereichen zusammenstellen:
- Schriftzeichen, zerlegt in ihre Kleinstbausteine
- Hieroglyphen, alte Schriftsysteme (Keilschrift etwa...)
- Pünktchen, Häkchen, Schnörkel aller Art und Grösse
- Zeichen, wie man sie auf Landkarten verwendet
- Ornamente
- Botanische, mathematische oder sonstige Kürzel

All das birgt Elemente, die Sie für Ihre Zeichnungen nutzen sollten.

Beobachten Sie Muster aller Art, sammeln Sie Ornamente. Beobachten Sie, wie Zeichner auf detaillierten Radierungen die Oberflächen der Dinge mit Hilfe unzähliger addierter Kleinstformen wiedergeben, um so die Erscheinung von bestimmten Materialien nachzuahmen.

Es geht diesmal auch um den langen Atem, die Geduld, eine grosse Fläche langsam zu Ende zu zeichnen. Es geht auch um pfiffige Strategien, nur den Anschein davon zu erwecken, indem man an den entsprechenden Stellen weglässt und es der Phantasie des Betrachters überlässt, das angefangene Muster im Geist zu ergänzen.
Die Ihnen ausgeteilte Kopie aus dem Daucher zeigt diese Strategie deutlich, hier ist weniger gezeichnet, als man zunächst annimmt!


Warmups bzw. Lockerungsübungen:

1. Gebogene Linien, die einen Kreis bilden. Das ganze Blatt 60x40 cm füllen. Kreise auch in- und übereinander zeichnen. Evtl. sich zu Figuren inspirieren lassen. Schauen Sie, was Ihr Auge daraus macht. Eiformen sind OK. Ovale auch (Es gibt einen Unterschied!).
Probieren Sie es aus, den Startpunkt der Kreislinie an verschiedenen Punkten zu setzen.
Ich habe Ihnen vorgeschlagen, das Zifferblatt einer Uhr als Startpositionsmarken zu denken: Sind Sie der 10 Uhr oder der 6 Uhr Typ? Rechts- oder Linksdrehender? Finden Sie es heraus! Was geschieht mit dem Kreis, wenn Sie ihn in einer Ihrer Gewohnheit entgegengesetzten Richtung und von ungewohntem Startpunkt aus zeichnen? Etwa bei 4 Uhr beginnend gegen den Uhrzeigersinn?

2. Unregelmässige Linien
Ähnlich wie unsere erste Übung "Wildwuchs" bitte ich Sie, das Blatt zu füllen mit allen Arten von unregelmässigen, "mäandernden" Linien, die sich von unten nach oben und zur Seite entwickeln, da und dort zurückkehren, sinken, wieder steigen, mal stärker, mal schwächer werdend. Sie wenden selbstverständlich das Gelernte über Druckunterschiede an...
Denken Sie dabei an ein Gewächs, einen knorrigen Baum oder eine ganze Gruppe davon. Drehen Sie beim Zeichnen gelegentlich Ihren Stift schon während Sie die Linie produzieren, es ergeben sich so besonders mit groben Zeichenwerkzeugen eine ganze Reihe "zufälliger", unregelmässiger Linien, die von sich aus schon sehr an natürliche Linien erinnern.

3. Komposition aus Buchstaben
Das ist eine Vorübung für das Zeichnen von Texturen. (Sehen Sie die Verbindung von "Text" und "Textur"? Es geht um Gewebe...)
Nehmen Sie Ihren Namen oder sonst ein geläufiges Wort, schreiben Sie die einzelnen Buchstaben in alle Richtungen, in verschiedener Grösse, mal verkehrt herum, mal nur Fragmente eines Buchstabens, verbinden Sie die entstehenden Flächen zu Figuren, zerlegen Sie die Buchstaben in ihre Bestandteile: Pünktchen, Haken, Kreuzung, Bogen und spielen Sie den ganzen Vorrat an Figuren in allen Grössen und Richtungen durch!

Gilt immer: SPIELEN SIE, setzen Sie sich nicht unter Druck! Zeichnen gehört in den Bereich der MUSE, nicht MUSSE!


Übung des Abends:

Ich habe Ihnen 2 mögliche Themen gegeben, die Sie formatfüllend auf einem grossen Zeichenblatt anfangen sollten (da es sehr kleinteilig zugehen sollte, wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als die Zeichnung geduldig und mitunter auch nur minutenweise zu Hause fertigzustellen - aber bitte stellen Sie sie fertig, Ihnen selbst zuliebe...):

- 1000 Märchenhafte Blüten von oben gesehen
(Das Thema erklärt sich von selbst, oder?)

- Armageddon der Mikroben
Ihr Zeichenblatt ist der Kampfplatz der guten und bösen Kleinstformen, es entspinnen sich in wechselnder Verdichtung Auseinandersetzungen unzähliger Formen.


Buch des Abends:

- Thomas Lüchinger, Intuitiv Zeichnen - Sehen mit allen Sinnen, Bern 1995, 21 €
(s. Amazon)
Wer sich über den zuweilen esoterischen Klang und die ein wenig therapeutische, menschenfreundliche Grundstimmung hinwegsetzen muss/kann, dem bringt das Buch eine ganze Menge, wenn man sich auf die Entstehung der Zeichnung aus dem Innern und der dem Gefühl näheren Wahrnehmung konzentrieren möchte. 72 praktische Übungen, an deren Ende man das gesamte expressive Repertoire kennengelernt hat.
Nebenbei: Das Buch hat bei Amazon.de einige schlechte Rezensionen und dadurch nur 3 Sterne, weil einige Kritiker offenbar nicht begriffen haben, worum es hier geht. Das Buch heisst NICHT: Garantiert zeichnen lernen... Lassen Sie sich nicht irritieren, in seinem Segment ist der Ansatz des Buches absolut richtig und produktiv, alles andere (Techniken, Raum, Proportionen, usw.) lernt man woanders. Hier geht es nur um den persönlichen Strich, die eigene Linie - und die findet man mit den Übungen garantiert. Und der Strich macht letztlich den eigenen Sound. Was wichtig ist.


Künstler des Abends:

Dubuffet
Horst Janssen

Da ich zur Zeit nur einen extrem langsamen Internetzugang habe, werde ich Bildbeispiele erst wieder veröffentlichen können, sofern ich je einen Telekom-Internetzugang erhalte...Entschuldigen Sie die Verzögerung!

Donnerstag, 31. März 2011

Einheit 1 - 3.Stunde: Rhythmus


Einheit 1 - 3.Stunde: Rhythmus

(Ich habe vergangenen Montag und Dienstag leider völlig vergessen, Fotografien gelungener Arbeiten zu machen. Ich möchte Sie bitten, zur nächsten Stunde 1 oder 2 Arbeiten dieses Abends noch einmal mitzubringen, damit ich sie fotografieren und hier als Beispiele zeigen kann.)

Diese Einheit gehört zu den Wichtigsten des ganzen Kurses:
Es gilt zu lernen, auf das grosse Ganze zu achten.

Wir werden in einer späteren Einheit etwas genauer untersuchen, welche Gesetze die Verteilung von Hell und Dunkel oder anderer Bildelemente bestimmen. Jetzt aber geht es erst einmal auf einfachste Weise darum, ein Gefühl für die Aufteilung einer Zeichenfläche zu entwickeln.

Nach wie vor bitte ich Sie, um ihre Zeichnung immer zuerst einen Rahmen zu zeichnen. Es mag Ihnen stur erscheinen, aber meine Absicht ist es, Ihnen damit bewusst zu machen, dass Sie mit jeder Aktion ein empfindliches Gleichgewicht von Strichen, Linien, Punkten und Flächen erstellen. Diese sind immer auf die 4 Seiten der Zeichenfläche bezogen. Nicht umsonst heisst es, dass mit der Wahl eines bestimmten Formats schon die ersten 4 Linien eines Bildes gezogen sind.

Sie sollten bemerken, dass das FORMAT die erste wichtige Entscheidung bei der Gestaltung einer Zeichnung ist und ein erstes, wichtiges Element des Rhythmus' - oder für alle Musikfreunde: So etwas wie der "Generalbass".

"Rhythmus" heisst diese Einheit, weil Sie mit jeder gezogenen Linie und mit jeder gekritzelten oder schraffierten Fläche eine Abwechslung oder einen Unterschied schaffen, was sich als Abfolge von Leere und Aktion darstellt, so wie ein Händeklatschen oder Fußstampfen eine zeitliche Abfolge markiert und strukturiert. In der Musik ergibt dies den "Puls" eines Stückes. Was analog auch für die Zeichnung gibt.

In dieser ersten Annäherung an das Phänomen der Aufteilung und des visuellen Rhythmus genügen simple gekritzelte Verdichtungen und Auflockerungen, wie sie Ihnen in der Fotokopie der Seiten 24-25 aus Hans Daucher: Die Grosse Zeichenschule schon begegnet sind.
Wenn Sie sich nicht sicher sind, welche Aufteilung Sie bevorzugen oder für geeignet finden, kritzeln Sie zur Vorbereitung einfach einmal bewusst einige der vorgestellten Lösungen nach, Sie werden rasch merken, was Sie gut finden.

Rhythmus bedeutet in diesem ersten Schritt nur so etwas wie ein "AKZENTMUSTER" - mehr nicht.
Suchen Sie jetzt nicht nach einer perfekten Lösung, nach einem ehernen Gesetz oder Rezept, sondern folgen Sie dem, was sie für richtig und angenehm halten, sozusagen "aus dem Bauch heraus". Sie werden erleben, dass wir unbewusst bzw. kulturell vorgeprägt bestimmten Vorlieben folgen, die sich später auch beinahe mathematisch begründen lassen. Das muss Sie jetzt allerdings nicht wirklich belasten.

Wenn es um "Blickregie" geht, d.h. darum, den Blick des Betrachters auf eine bestimmte, dramatische Stelle der Zeichnung zu lenken, die der ganzen Zeichenmühe den Sinn verleiht, nutzen alle grossen Zeichner seit jeher diese Elemente der Aufteilung und Rhythmisierung des Zeichenblattes, gleichgültig nun, ob Van Dyck eine dramatische Szene um einen kosmischen Kuss webt oder der völlig abstrakte Franz Kline, der es bei der Spannung an sich belässt mit Zeichen, die nie eindeutig zu bestimmen sind - aber sie können es dennoch fühlen, dass die Sache "sitzt", dass die Architektur aus Zeichen und Leere "stimmt".


Warmups oder Lockerungsübungen:


1. Gebogene Linien, wie ein Schlittschuhläufer so leicht wie möglich mit fettem Stift zeichnen. Wie immer auf grosses Blatt in Körperdimension, also mindestens 60x40 cm. Die gebogene Linie so leicht zeichnen, dass da und dort fast Nichts auf dem Blatt zu sehen ist. Schauen Sie, wie leicht Sie werden können. Eine Übung für die eher kräftig Zupackenden, die sich hiermit zu zügeln lernen.


2. Gerade Linien mit feinem Stift so stark wie möglich zeichnen. Schauen Sie einmal, wie dicht Sie mit einem 2B-Stift werden können. Diese Übung ist etwas für die eher zart Zeichnenden, die hier den Mut aufbringen müssen, heftig und stark sichtbar zu werden.


Beide Übungen nacheinander gezeichnet markieren Extrempole, die Sie einmal gespürt und gezeichnet haben sollten, um Ihren eigenen Druck und damit Ausdruck zu entwickeln. Dass das Zeichenwerkzeug und die Qualität des Papiers hierbei auch mitwirken, ist selbstverständlich. Probieren Sie einfach alles aus, was Ihnen in die Hände fällt. Auch ein Kugelschreiber und Druckerpapier ist kunstwürdig! Es ist wie mit Beton: Es kommt darauf an, was man daraus macht...


Übung zur Helligkeitsverteilung 1:






Anhand von Verkleinerungen von Radierungen Rembrandts, der ein Meister der Helligkeitsverteilung war, können Sie sich hiermit in die Denk- und Beobachtungsweise dieses Lernschrittes einüben.
Wählen Sie sich zunächst einmal eine Abbildung aus, die Ihnen zusagt und kritzeln Sie nur die Verteilung der Flecken nach, ohne auf die Details der Erzählung zu achten. Sie können auch gerne völlig abstrakt in hellen und dunklen Drei- und Vierecken oder Kreisen denken. Schauen Sie auch bewusst einmal, was genau Sie an den unsympatischen Lösungen stört - gerade da lernt man oft am Meisten.
Ein kleiner Trick: Schauen Sie durch die Wimpern des fast geschlossenen Auges. Mit diesem Abblendtrick gelingt es oft am Besten, das Hell-Dunkel-Muster zu identifizieren.
Sie dürfen gerne alle Vorlagen in jeder denkbaren Grösse nachzeichnen!



Das Werk Picassos ist für diese Übungen auch gut geeignet, da er auch ein besonders kreatives Aufteilungsgefühl besaß.



Übung zur Helligkeitsverteilung 2:

Wählen Sie sich aus den Reproduktionen von Zeichnungen aus verschiedenen Epochen (siehe unten im Anhang) eine Arbeit, die Ihnen entweder zusagt oder Sie besonders provoziert und versuchen Sie kritzelnd mit dem Zeichenrepertoire, das Sie sich in den letzten Wochen schon erarbeitet haben, den Kern der Zeichnung nachzuzeichnen.
- Achten Sie zuerst einmal auf das Gesamtformat und wo der betreffende Meister Akzente setzte.
- Achten Sie darauf, welches Verhältnis helle und dunkle Stellen haben,
- wo der Zeichner weggelassen oder durch viele Linien betont hat.
- Zeichnen Sie nicht die Figuren, Gesichter und Details nach, sondern achten Sie zunächst nur auf den groben Aufbau und die Art der eingesetzten Linien (wo gibt es lange Geraden, wo kurze, staccato gesetzte Linien, wo Schwünge, wo Gebogene ?).

Diese Übungen sind Ihr erster Kontakt mit der traditionellen Lernmethode der "KOPIE", die ich Ihnen unbedingt nahelege. Kopieren muss nicht immer bedeuten, exakt nachzuvollziehen, was ein alter oder neuer Meister vorlegt, sondern kann auch in einer individuellen INTERPRETATION bestehen, die sich die Vorlage mehr oder weniger frei erschliesst.
Ein Verfahren, das in der Musik üblich und legitim ist - weshalb nicht in der Zeichnung und Malerei?


Ich bitte Sie, die folgenden Vorlagen auf diese Weise zu INTERPRETIEREN, mit all den Zeichenelementen, die Ihnen bisher begegnet sind.


Weitere Anregung:
Schauen Sie in Kunstbüchern und - katalogen, in Kunstkalendern und Zeitschriften nach Bildvorlagen mit interessanten Formataufteilungen. Sammeln und Interpretieren Sie diese so viel und oft es geht. Auf diese Weise erarbeiten Sie sich ein ganzes Arsenal von Lösungen, die Sie auf andere Zeichenaufgaben übertragen können.


Weitere Beispiele hierzu finden Sie auch auf meiner "Tagwerk - Daily Drawing" Website , z.B. "Kritzelei 006 Kritzelei 007 und 008; Kritzelei 011 und 013.


Buch des Abends:

Dieter Brembs, Faszination Linie - Zeichnung neu erleben, Wiesbaden 2006, 34,80 €

(leider teuer, da Nischenprodukt, die Bücher des Englisch-Verlages in Wiesbaden sind aber dafür wenigstens sehr gut gestaltet)
Wen es nun ganz genau interessiert und seiner Linie auf die Spur kommen möchte, ist bei Prof. Brembs (Uni Mainz) gut aufgehoben. Hier geht es etwas analytischer zu und ziemlich in die Details, akademisch geradezu, aber absolut spannend und gar nicht trocken. Viele gute und klare Abbildungen.


Künstler des Abends:


Van Dyck
Tiepolo
Rembrandt
Franz Kline
Claude Lorrain


Anhang:
Vorlagen für die Hauptübung des Abends für alle diejenigen, die weiterarbeiten möchten:
(Bitte auf das jeweilige Bild klicken, es sollte sich eine vergrösserte und ausdruckbare Version des Bildes in einem neuen Browserfenster öffnen)