Der geduldige, scharfe Blick auf das allerkleinste Detail.
Im Kern geht es um die zeichnerische Feinstruktur, d.h. statt wie bisher locker zu kritzeln, sollen sie heute geduldig ins allerkleinste Detail der Zeichnung gehen.
Ihre Phantasie ist gefragt, wenn Sie so viele Kleinstelemente, Kürzel aus allen nur denkbaren visuellen Bereichen zusammenstellen:
- Schriftzeichen, zerlegt in ihre Kleinstbausteine
- Hieroglyphen, alte Schriftsysteme (Keilschrift etwa...)
- Pünktchen, Häkchen, Schnörkel aller Art und Grösse
- Zeichen, wie man sie auf Landkarten verwendet
- Ornamente
- Botanische, mathematische oder sonstige Kürzel
All das birgt Elemente, die Sie für Ihre Zeichnungen nutzen sollten.
Beobachten Sie Muster aller Art, sammeln Sie Ornamente. Beobachten Sie, wie Zeichner auf detaillierten Radierungen die Oberflächen der Dinge mit Hilfe unzähliger addierter Kleinstformen wiedergeben, um so die Erscheinung von bestimmten Materialien nachzuahmen.
Es geht diesmal auch um den langen Atem, die Geduld, eine grosse Fläche langsam zu Ende zu zeichnen. Es geht auch um pfiffige Strategien, nur den Anschein davon zu erwecken, indem man an den entsprechenden Stellen weglässt und es der Phantasie des Betrachters überlässt, das angefangene Muster im Geist zu ergänzen.
Die Ihnen ausgeteilte Kopie aus dem Daucher zeigt diese Strategie deutlich, hier ist weniger gezeichnet, als man zunächst annimmt!
Warmups bzw. Lockerungsübungen:
1. Gebogene Linien, die einen Kreis bilden. Das ganze Blatt 60x40 cm füllen. Kreise auch in- und übereinander zeichnen. Evtl. sich zu Figuren inspirieren lassen. Schauen Sie, was Ihr Auge daraus macht. Eiformen sind OK. Ovale auch (Es gibt einen Unterschied!).
Probieren Sie es aus, den Startpunkt der Kreislinie an verschiedenen Punkten zu setzen.
Ich habe Ihnen vorgeschlagen, das Zifferblatt einer Uhr als Startpositionsmarken zu denken: Sind Sie der 10 Uhr oder der 6 Uhr Typ? Rechts- oder Linksdrehender? Finden Sie es heraus! Was geschieht mit dem Kreis, wenn Sie ihn in einer Ihrer Gewohnheit entgegengesetzten Richtung und von ungewohntem Startpunkt aus zeichnen? Etwa bei 4 Uhr beginnend gegen den Uhrzeigersinn?
2. Unregelmässige Linien
Ähnlich wie unsere erste Übung "Wildwuchs" bitte ich Sie, das Blatt zu füllen mit allen Arten von unregelmässigen, "mäandernden" Linien, die sich von unten nach oben und zur Seite entwickeln, da und dort zurückkehren, sinken, wieder steigen, mal stärker, mal schwächer werdend. Sie wenden selbstverständlich das Gelernte über Druckunterschiede an...
Denken Sie dabei an ein Gewächs, einen knorrigen Baum oder eine ganze Gruppe davon. Drehen Sie beim Zeichnen gelegentlich Ihren Stift schon während Sie die Linie produzieren, es ergeben sich so besonders mit groben Zeichenwerkzeugen eine ganze Reihe "zufälliger", unregelmässiger Linien, die von sich aus schon sehr an natürliche Linien erinnern.
3. Komposition aus Buchstaben
Das ist eine Vorübung für das Zeichnen von Texturen. (Sehen Sie die Verbindung von "Text" und "Textur"? Es geht um Gewebe...)
Nehmen Sie Ihren Namen oder sonst ein geläufiges Wort, schreiben Sie die einzelnen Buchstaben in alle Richtungen, in verschiedener Grösse, mal verkehrt herum, mal nur Fragmente eines Buchstabens, verbinden Sie die entstehenden Flächen zu Figuren, zerlegen Sie die Buchstaben in ihre Bestandteile: Pünktchen, Haken, Kreuzung, Bogen und spielen Sie den ganzen Vorrat an Figuren in allen Grössen und Richtungen durch!
Gilt immer: SPIELEN SIE, setzen Sie sich nicht unter Druck! Zeichnen gehört in den Bereich der MUSE, nicht MUSSE!
Übung des Abends:
Ich habe Ihnen 2 mögliche Themen gegeben, die Sie formatfüllend auf einem grossen Zeichenblatt anfangen sollten (da es sehr kleinteilig zugehen sollte, wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als die Zeichnung geduldig und mitunter auch nur minutenweise zu Hause fertigzustellen - aber bitte stellen Sie sie fertig, Ihnen selbst zuliebe...):
- 1000 Märchenhafte Blüten von oben gesehen
(Das Thema erklärt sich von selbst, oder?)
- Armageddon der Mikroben
Ihr Zeichenblatt ist der Kampfplatz der guten und bösen Kleinstformen, es entspinnen sich in wechselnder Verdichtung Auseinandersetzungen unzähliger Formen.
Buch des Abends:
- Thomas Lüchinger, Intuitiv Zeichnen - Sehen mit allen Sinnen, Bern 1995, 21 €
Wer sich über den zuweilen esoterischen Klang und die ein wenig therapeutische, menschenfreundliche Grundstimmung hinwegsetzen muss/kann, dem bringt das Buch eine ganze Menge, wenn man sich auf die Entstehung der Zeichnung aus dem Innern und der dem Gefühl näheren Wahrnehmung konzentrieren möchte. 72 praktische Übungen, an deren Ende man das gesamte expressive Repertoire kennengelernt hat.
Nebenbei: Das Buch hat bei Amazon.de einige schlechte Rezensionen und dadurch nur 3 Sterne, weil einige Kritiker offenbar nicht begriffen haben, worum es hier geht. Das Buch heisst NICHT: Garantiert zeichnen lernen... Lassen Sie sich nicht irritieren, in seinem Segment ist der Ansatz des Buches absolut richtig und produktiv, alles andere (Techniken, Raum, Proportionen, usw.) lernt man woanders. Hier geht es nur um den persönlichen Strich, die eigene Linie - und die findet man mit den Übungen garantiert. Und der Strich macht letztlich den eigenen Sound. Was wichtig ist.
Künstler des Abends:
Dubuffet
Horst Janssen
Da ich zur Zeit nur einen extrem langsamen Internetzugang habe, werde ich Bildbeispiele erst wieder veröffentlichen können, sofern ich je einen Telekom-Internetzugang erhalte...Entschuldigen Sie die Verzögerung!
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