Paradoxerweise hat die Autorin, auf die ich mich in dieser Einheit vornehmlich stütze, in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein sehr umfangreiches theoretisches Buch geschrieben, um eine Zeichenmethode zu erklären, deren Anwendung durch Beschreibung eher erschwert wird, weil diese genau die Instanz des Gehirns anspricht, die dieser speziellen Art der Wahrnehmung entgegensteht.
Es ist nicht das erste und nicht das letzte Paradoxon, das ich Ihnen zumuten werde. Die Kunst ist an sich schon ein Paradoxon, überhaupt...
Es wäre nun widersinnig, wenn ich Ihnen also wie sonst vorab eine Erklärung und Theorie voranschickte, um dann von Ihnen zu verlangen, dass Sie die Erklärung besser gleich wieder vergessen, um aus einer anderen Region des Gehirns und der Wahrnehmung arbeiten zu können.
Ich verlasse mich also vorerst darauf, dass Sie spüren und erfahren werden, was sich dahinter verbirgt. D.h. wir werden die ersten beiden Stunden (am 11./12.4. und 18./19.4.) mit praktischen Übungen beginnen, die Sie hoffentlich stutzig werden lassen. Die Theorie dazu folgt dann nach Ostern.
Die sog. Warmups bzw Lockerungsübungen begleiten diese Übungen auf einer parallelen Ebene.
Hier geht es darum, erste Bekanntschaft damit zu machen, dass Sie sich Ihren Augen, Ihrer Wahrnehmung überlassen lernen und Ihr Zeicheninstrument Ihren Beobachtungen zu folgen hat. Sie zeichnen möglichst "blind", d.h. Sie sollten sich nach und nach dazu bringen, immer weniger auf das Zeichenblatt zu sehen, sondern ganz beim Modell, dem Anblick zu verweilen und Ihre Zeichenspur eher wie eine Art "Seismogramm" geschehen zu lassen.
Ich weiss, das ist auf Anhieb nicht einfach. Man wehrt sich gegen den drohenden Kontrollverlust.
Das Ziel, die Belohnung dieser erst einmal ungemütlichen Erfahrung ist eine mehr oder weniger geglückte "SYNCHRONISATION" von Auge und Hand.
Je mehr Sie sich auf das Blindzeichnen einlassen, desto deutlicher wird diese Verknüpfung hergestellt.
Warmups der Einheit 2
Gestische 1-Minuten-Posen:
In dieser ersten Annäherung geht es darum, ein Modell, das jeweils für eine Minute stillsteht und "posiert", auf einfachste Weise relativ schnell zu zeichnen.
Auf dieser ersten Stufe spielt es gar keine Rolle, wie Sie das machen. Es kann so schlecht wie möglich geschehen. Ich möchte geradezu, dass Sie zuerst so schlecht wie möglich zeichnen.
Es geht also erst einmal nur darum, dass Sie
- überhaupt hinschauen lernen,
- dass Sie erleben, was 1 konzentrierte Minute bedeutet und ein Gefühl für die Zeichenzeit entwickeln,
- dass Sie einfache Unterschiede sehen lernen: Ist das Modell aufrecht, gebeugt, sitzend, liegend, gespannt, schlaff usw.
Klingt nicht nur banal, ist es auch. Aber entscheidend wird nun, dass Sie den Kern dieser Beobachtungen an Ihre Zeichenhand mitzuteilen lernen. Auf dieser ersten Stufe geht es nicht um schöne Zeichnungen von den Modellen (ob Menschen oder den Dingen um Sie herum), sondern egal wie angespannt und nervös Sie das auch machen wird, es geht darum, ein irgendwie geartetes Bündel oder Knäuel von Linien analog zu Ihrer Beobachtung auf das Blatt zu bringen - unwichtig, ob man eine menschliche Gestalt darin erkennt oder nicht - das kommt noch! Das verspreche ich Ihnen.
Der eigentliche Lerninhalt, der unter der Hand damit entwickelt wird, ist eine Art von Mitgefühl/Empathie, die sich mit der Beobachtung entwickelt. Eine Zeichnung hat nur dann Belang, Wirklichkeit und Qualität, wenn Sie durch die Realität Ihrer Wahrnehmung gegangen ist. Sie können eine sitzende Figur nur dann erkenn- und nachfühlbar zeichnen, wenn Ihr Strich glaubhaft versichert, dass Ihnen das abgebildete Phänomen "Sitzen" bekannt ist.
("Ideomotorisches Zeichnen" möchte ich das nennen, solange ich keinen besseren Begriff kenne. Das bedeutet, dass sich quasi automatisch ein durch die Beobachtung ausgelöstes Gefühl für das Gegenüber auf die zeichnende Hand überträgt und die Linie mitgestaltet)
Wir werden in dieser zweiten Einheit die Warmups oder Lockerungsübungen mit ca. 15-20 1-Minuten-Posen beginnen. Ich werde allerdings jedesmal eine neue Herangehensweise vorschlagen.
Am 11./12.4. wurden diese Posen im "Freistilzeichnen" angefertigt, d.h. aus dem Bauch heraus wie es gerade kommt...
Übungen zur Einheit 2:
1.) Profile/Pokal-Bild
Zeichnen Sie als Linkshänder auf die rechte Seite eines A4-Querformats ein menschliches Kopfprofil, das nach links schaut. Als Rechtshänder beginnen Sie auf der linken Seite, das Kopfprofil schaut nach rechts..
Benennen Sie beim Zeichnen die Teile, die Sie zeichnen: Das ist die Stirn, das ist die Nase, der Mund, das Kinn usw.
Zeichnen Sie sodann die symmetrische Entsprechung auf der anderen Seite des Blattes, sodass sich beide Profile zu einer "Pokal- oder Vasenfigur" ergänzen.
Registrieren Sie, dass Ihnen bei der Anfertigung des zweiten - antwortenden - Profils völlig egal ist, WAS genau Sie da zeichnen, sondern wie sehr es viel wichtiger wird, WIE Sie es zeichnen und dass es eine ungefähre Entsprechung zum ersten Profil wird.
Sie urteilen dabei unversehens nicht mehr sachlich und logisch, sondern ästhetisch - und genau darum geh es in dieser Einheit! Das ist, so banal es zunächst auch aussehen mag, eine ganz andere Welt und eine ganz andere Herangehensweise an die Erscheinungen der Welt. Hier entspringt der Zeichner in Ihnen.
2. Offene komplexe Symmetrie
Die oben beschriebene Beobachtung können Sie anhand beliebiger Symmetriefiguren immer wieder erfahren und üben. Zeichnen Sie als Linkshänder auf die rechte Seite eine komplexe, irgendwie geformte Linie von oben nach unten und wiederholen Sie die entsprechende symmetrische Figur auf der gegenüberliegenden Seite. Es sollte ein mehr oder weniger gelungener "Rotationskörper" entstehen.
3. Strawinsky auf dem Kopf
Anhand einer auf den Kopf gestellten Figurzeichnung Picassos des Komponisten Strawinsky erfahren Sie, dass Sie mit dieser Methode erstaunlicherweise sehr komplexe Kopien zu zeichnen in der Lage sind, die Sie sich unter normalen Umständen nie zugetraut hätten.
Der "Trick" besteht darin, dass Sie durch das Auf-den-Kopf-Stellen die vernünftige Zuordnung verstören und der Zwang zur Benennung und Identifikation der Bildteile gezielt erschwert wird, sodass er sogar ganz nachlässt.. Irgendwann gibt Ihr interner "Besserwisser" auf und lässt die ästhetische Seite des Gehirns ihre Arbeit tun...und dann erst wird es was.
Die Theorie dazu folgt nach Ostern!
4. Zeichnen der eigenen (freien) Hand
Hier geht es nicht darum, eine perfekte Zeichnung der kompletten Hand zu fertigen, sondern darum, sich sehr viel Zeit mit der genauen Betrachtung eines sehr komplizierten Gegenstands zu lassen.
Sie sollten Sich vom Zeichenblatt abwenden, möglichst nur auf die in bequemer Pose verharrenden Hand schauen, Ihr Auge zunächst nur auf einer Stelle der Aussenkontur ruhen lassen und erst dann mit langsamem Zeichnen des Gesehenen fortfahren, wenn Sie sich sicher sind, dass die Bleistiftspitze eins geworden ist mit dem Punkt, auf den Ihr Auge schaut.
Das braucht lange und viel Übung. Aber genau hier ist der Kern der ganzen Zeichnerei dieser Einheit. Bitte üben Sie diese Erfahrung so oft es geht auch zu Hause. Es genügen einige Minuten, bis Sie es eines Tages immer besser beherrschen und zu spüren gelernt haben, wann diese Synchronisation einsetzt. Es ist eine fantastische Erfahrung, wenn Sie selbst zum Bleistift werden...Zeichnen Sie so "Augenreisen" durch alles, was vor Augen liegt...
Zeichnen Sie langsam und bedächtig jede Einzelheit, jede Falte, jedes Härchen, jede Biegung. Setzten Sie auch ruhig da und dort ab und beginnen Sie irgendwo wieder mit der gleichen Prozedur. Addieren Sie diese Ansätze neben- und übereinander, der Formzusammenhang spielt jetzt erst einmal keine Rolle. es entstehen womöglich monströse Gebilde - das ist so gewollt.
Es geht nicht um die formal korrekte Zeichnung - es entsteht mit der Zeit und Übung nebenbei und mit eigener Poesie, die oft wenig mit "Hand" im herkömmlichen Sinn zu tun hat, eine Art von Zeichnung, die etwas vom wirklichen Leben gelernt hat.
Dieses langsam Abgeschaute wird Ihr Vokabular für die Sprache der Zeichnung, da Sie bzw. Ihr fantastisches Gehirn diese Elemente sammelt und ihrer Linie nach und nach zufügt. Nur so lernen Sie wirklich hinzuschauen und Ihre Linie mit lebendiger Erfahrung "aufzuladen". Und darum geht es.
Wenn Sie diese Übung etliche Male gemacht haben, ein ganzes Blatt voller Fragmente der Beobachtungen an Ihrer Hand (und anderer Dinge, aller Dinge), werden Sie deutlicher wissen, wie eine lebendige Hand oder jedes andere Ding zu zeichnen ist.
So kann man das mit allen Dingen der Welt üben. Zeichnen Sie bitte so auch die "hässlichen", alltäglichen, banalen und trivialen Dinge um Sie herum - Sie werden feststellen, dass selbst z.B. eine blöde Steckdose mysteriös werden kann (und dabei muss man nicht unbedingt gleich an Fukushima denken, darf man aber...)
Zeichnen Sie langsam, mit Bedacht. Bleiben Sie bei der reinen Linie, "skizzieren" Sie nicht, sondern setzen Sie die Linie selbstbewusst und bestimmt als startende und endende Linie.
Die letzte Übung ist der Auftakt zu dem, was man in der traditionellen Zeichnerei das "Sachzeichnen" nennt. Alle weiteren Elemente wie Raum, Perspektive, Hell/Dunkel-Valeurs, Textur etc. werden Sie in Einheit 3 zur Genüge kennenlernen. Der Erfahrungs- und Wissenshintergrund dazu wird aber in dieser Übung gelegt. Sie lernen das Hinschauen, indem Sie hinschauen - schauen Sie gerne länger, als Sie zeichnen. Sie brauchen Pausen bei dieser Übung, denn sie ist anstrengend.
Buch des Abends:
Betty Edwards,
Das neue Garantiert zeichnen lernen - WORKBOOK
19,90 €
Überall sonstwo aber auch bei Amazon
(Die deutsche Übersetzung ist leider ungeschickt und reisserisch. Die Originalausgabe heisst:
Drawing on the Right Side of the Brain - was die Sache besser trifft! )
Betty Edwards Buch erschien Ende der 1970er Jahre erstmals in den USA und ist in seiner ursprünglichen Form ein wortreiches Plädoyer für eine bis dahin kaum bewusste und wenig bekannte, zunächst fragwürdige und gar esoterisch geltende Herangehensweise an das Zeichnen. Daher der Überhang an Erklärung und die relativ kleine Menge an konkreten Übungen und Beispielen.
(Wen es genauer interessieren sollte, dem kann ich auch gerne Literatur nennen, die ich bei meiner Recherche zu etwaigen Vorläufern dieser Methode gefunden habe. Allerdings handelt es sich dabei fast ausschliesslich um englischsprachige, amerikanische Literatur).
Nachdem sich nun diese Methode weitgehend durchgesetzt hat und weltweit sehr viele Künstler und Lehrer damit arbeiten, folgte wenig später ein Arbeitsbuch/Workbook, das auf den theoretischen Hintergrund weitestgehend verzichtete und ihn nur skizziert, wo nötig.
Ich empfehle Ihnen dieses Workbook, wenn Sie entdecken sollten, dass Sie diese Methode vorwärts bringt.
Künstler des Abends:
Picasso
Egon Schiele
(Bilder dazu werde ich veröffentlichen, wenn ich wieder einen funktionierenden Zugang zum Internet habe - falls die Telekom das je hinkriegen sollte...)
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