In der Einheit 1 entdeckten Sie die expressiven Möglichkeiten Ihres Zeichnens, in Einheit 2, mit dem Schwerpunkt bei der Wahrnehmung, die impressiven Qualitäten des Zeichnens. Nicht von ungefähr korrespondieren diese Ansätze mit kunstgeschichtlich näheren Stadien der Entwicklung der Zeichenkunst. Schauen Sie sich Zeichnungen des Expressionismus und Impressionismus an, Sie werden entdecken, wie nah unsere Übungen diesen Strömungen sind. Auch alle folgenden Stile des 20. Jahrhunderts sind verwandt (z.B. Abstrakter Expressionismus, Informel etc). Sie alle teilen im Kern zumindest eines, dass sie allesamt ihren Schwerpunkt in der Persönlichkeit des Zeichners haben und mehr oder weniger ihre eigene Gesetzmässigkeiten entwickeln.
Sie sind also im Wesentlichen individuell und subjektiv - und zumeist originell. Diese Mindestanforderung kennzeichnet die Moderne.
Mit der Einheit 3 fallen wir nun kunsthistorisch sehr weit zurück, bis mindestens zu Phidias, dem griechischen Bildhauer um etwa 500 v.Chr., oder wenigstens zum Beginn der Renaissance in Europa im 14. Jahrhundert.
Wenn man von einer klassischen und soliden Grundausbildung im traditionellen Zeichnen spricht, meint man diesen Lehrplan, den ich Ihnen in dieser Einheit in einem Schnelldurchlauf skizzieren möchte.
Für viele ist dies gleichbedeutend mit "richtig" zeichnen lernen.
Ich möchte diese Frage hier nicht diskutieren und beantworten, welcher Ansatz nun zum richtigen Zeichnen führt. Ich kann nur jetzt schon sagen, dass Sie als Zeichner alles angeschaut, beurteilt und ausprobiert haben sollten, um Ihren eigenen Weg zu finden. Vergessen Sie jedenfalls alles bisher Gelernte nicht!
Die Einheit 3 hat folgende Themen:
1 RAUM - wie man eine dreidimensionale Ansicht in eine zweidimensionale so verwandelt, dass es die Illusion von Räumlichkeit in einer Zeichnung schafft. Dass dies eine Abstraktion ist und bleibt und zudem ein kulturelles Phänomen ist, sollte Ihnen zu denken geben.
Das Thema des Raumes zieht sich durch die ganze Einheit. In der ersten Stunde geht es zunächst nur um ganz simple Feststellungen, dass man weiss, wo oben und unten und vorne und hinten ist und um den Sonderfall der Verbiegungen und Verkürzungen.
2 MASSE und VOLUMEN - mit dem Wegfall des scharfen S in der Großschreibung haben wir hier eine schöne Doppeldeutigkeit. In dieser Einheit geht es um beides: Das Messen, also das Maß der Dinge und zugleich um deren Volumina, deren Masse. Und ganz einfach gesagt, geht es darum, Verfahren zu finden, die Ausdehnung und Wölbung von Körpern zu sehen und in 2D-Ansichten zu abstrahieren.
3 PROPORTIONEN - was sich im Vorangegangenen beim Messen und in der Beobachtung der Wölbungen der Dinge andeutete, wird hier genauer untersucht: Wie sehr Form durch das Verhältnis der Teile zueinander und dem Umgebenden bestimmt sind. Dass es so etwas wie Rhythmen in der Gestaltung gibt und dass es schon immer Versuche gab, diese in mehr oder weniger fassliche Formeln zu pressen. (Kleiner Ausflug in die Mythen und Legenden zum Goldenen Schnitt, oder: Was die Karnickelvermehrung, Phidias und die Schönheitschirurgie gemeinsam haben...)
4 PERSPEKTIVE - alle bisher gemachten Beobachtungen scheinen in einem Konzept der Gesamtsicht der Dinge plausibel und konstruierbar aufzugehen - wenn man den Blick fixiert auf wenige unbewegliche Punkte. Der Reiz dieser Konstruktionen liegt in der beschaulichen Dauer eines beinahe ewigen Anblicks der Dinge - und den konstruieren wir quasi mathematisch mit Zirkel und Lineal. Zumindest ansatzweise.
Einfach ausgedrückt, zeige ich Ihnen 2,3 traditionelle und klassische Ansätze, eine plausible Gesamtraumansicht zu zeichnen, in der die Dinge am richtigen Platz sind..."wie in echt"!
5 LICHT/SCHATTEN und TEXTUR - die Konstruktion von Licht und Schatten schliesst sich direkt an das Thema des Raumes an. Licht und Schatten folgen den Prinzipien des (gedachten oder konkreten) Raumes, in dem sich eine Lichtquelle (ob künstlich oder natürlich) befindet. Dass das Licht und der Schatten zudem noch ein Licht auf die Qualität der Oberflächen werfen, werden Sie sehen.
Die Mysterien des Raumes, Teil 1 (Mikroraum) :
Zum Auftakt nähern wir uns dem Raumphänomen in ganz kleinen Schritten, die aber einen großen Unterschied machen.
Wir sehen das Phänomen des Raumes als ein ganz einfaches Hinter- und Übereinander der Formen, die sich überschneiden und verdecken.
Die Ihnen ausgeteilte Übung aus Daucher S.48 zeigt Ihnen das auf einfachste Weise. Bitte zeichnen Sie diese Übungen nach, erfinden Sie weitere Schichtungen, Überschneidungen, Hinter- und Übereinandergeschichtetes.
Dieses Darstellungsprinzip ist schnell erklärt und leicht zu verstehen. Seltsamerweise existieren dennoch tonnenweise Zeichnungen von Zeichnern, die diese Beobachtung niemals gemacht zu haben scheinen. An organisch geformten Körpern in der Natur sind diese Überschneidungen subtil und vielfältig, machen aber richtig verstanden den Kern einer glaubhaften Darstellung von Körperlichkeit aus. Ohne die genaue Beobachtung dieses Phänomens nutzt Ihnen jede noch so ausgefeilte Perspektivkonstruktion und Licht -und Schattenmagie nichts, sie kriegen den Apfel oder die Birne oder was auch immer nicht "rund" und schon gar nicht zum liegen...
Warm-Ups:
Wir bleiben weiterhin bei unseren gestischen Zeichnungen von posierenden Menschen, legen dieses Mal aber Wert auf die Beobachtung von Überschneidungen. Ratsam wäre es, sich mit einem Detail einer Pose zu befassen (wie ein Arm aus dem Rumpf kommt, oder wie ein Kopf auf selbigem sitzt...)
Wir zeichneten 2 Sequenzen von 5 1'-Posen und 2 5' Posen.
Übung des Abends:
Formen Sie aus einem Klumpen Ton oder Plastilin 2 ungleich grosse Kugeln und verbinden Sie diese zu einer birnenähnlichen Form.
Markieren Sie die Mittelachse des Körpers durch das Durchstechen eines Holzstäbchens (Schaschlikspiess tuts auch).
Zeichnen Sie dieses Gebilde aus allen nur denkbaren Positionen, von oben, unten, links, rechts, vorne und hinten und achten Sie insbesondere darauf, wie sich die Konturüberschneidungen verhalten, je nachdem, von wo aus Sie auf das Objekt schauen.
Aufgabe: "93 Birnen" auf 60x40 cm
Hausaufgabe: Daucher S.48 zeichnen und verstehen. 1 Kilo Birnen zeichnen.





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