Ich fasse die letzten Stunden (2.-4. Stunde vom 18./19.4 bis 9./10.5.) in diesem Text zusammen, da diese Einheit sowieso in einem Zusammenhang gesehen werden muss.
Sie haben in der ersten Stunde der Einheit 2 erfahren, dass es einen anderen Zugang zur Zeichnung und Wahrnehmung gibt, der unabhängig davon ist, was wir vermeintlich über das Aussehen der Dinge wissen.
Ja mehr noch, wir haben feststellen können, dass wir unbewusst gar nicht mehr genau hinschauen, sondern so starke Konzepte über das Aussehen der Dinge in uns haben, dass wir (fast) alles aus dem Kopf zeichnen können, zumindest in groben Umrissen.
Aber genau dieses - symbolische - Vorwissen steht uns als Zeichner immerzu im Weg.
Wir zeichnen eine Art "abgekürzte" Realität, die nur auf das vermeintlich Wesentliche zielt und das vermeintlich Nebensächliche weglässt.
So kommt es zu Stande, dass wir z.B. beim Zeichnen eines menschlichen Kopfes gerne die für uns wesentlichen Informationen über Augen, Nase und Mund übergross und prominent zeichnen und "unwichtige" Partien wie die Stirn oder das Kinn vergessen oder zumindest unterproportional zeichnen. (Ich habe Sie in unserer ersten Stunde am 15. März einen Kopf zeichnen lassen. Vergleichen Sie bitte Ihr Ergebnis mit der oben ausgesprochenen Vermutung. Stimmts? Sind die Proportionen in Ihrer Zeichnung "realistisch" oder symbolisch?)
Diese Haltung kann man "Antizipation" nennen, d.h. wir sind geneigt, alle unsere Wahrnehmung spontan mit unserer Seherwartung zu vergleichen und nehmen das Ergebnis des Sehens oder Sehexperiments gerne vorweg - weil wir das so gelernt haben und weil es uns im Alltag dabei hilft, die Dinge in - bewährter - Ordnung zu halten. Und das ist gut so - aber halt eben nur im Alltag.
Für den Zeichner aber ist diese Antizipation (also "Vorwegnahme") das reine Gift, denn sie verhindert die wirkliche Begegnung mit den Dingen der Welt und die Aufregung der Entdeckung der Wirklichkeit. Und damit vor allem, die Dinge zu sehen, wie sie sind, um sie zeichnen zu können, wie man sie sieht. Geht der Zeichner nicht daran, diese Vorurteile zu überwinden, bleibt ihm zumeist nur übrig nachzuahmen, was ein anderer vor ihm gesehen und erarbeitet hat. Und solches Zeichnen ist ohne Belang.
Der Kern der 2.Einheit kreist also darum, diese Vorwegnahmen und das symbolische Sehen
überhaupt erst einmal zu erkennen und mit Hilfe einiger "Tricks" zumindest zu schwächen.
Betty Edwards Ansatz ist hierbei sehr hilfreich. Sie geht davon aus, dass wir als Zeichner die Möglichkeit haben, uns ganz gezielt mit Hilfe einiger ungewöhnlicher Haltungen und Sehweisen zumindest für kurze Zeit so etwas wie ein unmittelbares und unvoreingenommenes Sehen zu ermöglichen. D.h. wir versuchen es, uns die alltäglichsten Anblicke etwa einer Hand, einer Blume, eines Steins etc. für kurze Zeit so "fremd" zu machen, dass wir sie wie zum ersten Mal überhaupt sehen. Sicherlich klingt das nach einem vielleicht etwas zu hoch gegriffenen Versprechen, aber ich verspreche Ihnen trotzdem, dass Sie mit einiger Übung tatsächlich so etwas wie einen frischen, unverbrauchten Blick auf die Dinge entwickeln können.
Das wichtigste Ziel der Einheit besteht darin, sich ganz mit dem Sehen, Hinschauen und Wahrnehmen (fällt Ihnen auf, was das Wort sagt: Für-Wahr-Nehmen! "Nehmen" vor allem!) zu beschäftigen.
Und nachdem wir in der Einheit 1 schon feststellen durften, welch wunderbares, differenziert ausdrucksfähiges Werkzeug unsere Zeichenhand ist, bekommen wir in dieser Einheit dafür gleich auch noch ein noch grossartigeres "Steuerinstrument" mit: Das Auge, bzw. gleich deren 2!
Unsere Übungen zielen also darauf, die Verbindung der Zeichenhand mit der unvoreingenommenen Wahrnehmung Ihres Auges herzustellen.
Ich spreche hierbei von einer notwendigen "Synchronisierung" von Auge und Hand. D.h. wenn Sie es eine Weile geübt haben und das Unsicherheitsgefühl beim sog. "Blindzeichnen" zunehmend verlieren, wird sich automatisch eine Art von "seismografischer" Haltung einstellen. Was Ihr Auge sieht, wird Ihre Zeichenhand in die entsprechenden Linien, Kurven, Bögen übersetzen.
Mir ist klar, dass das ungewohnt ist und noch lange bleibt, aber mit der Zeit garantiere ich Ihnen eine deutliche Veränderung in Ihren Zeichnungen. Die Linien bekommen statt symbolischer Abstraktionen so etwas wie Leben eingehaucht.
Die Dinge schauen anders aus, als wir meinen.
Dass Ihr Auge, also Ihr unvoreingenommenes Hinschauen und Versenken in den Anblick der Dinge viel stärker mit der rechten Hirnhälfte und deren besonderen Leistung für das umfassende Sehen verknüpft sei, ist die Grundaussage des Ansatzes von Betty Edwards. Ihre Aussagen stützen sich auf Ergebnisse der Hirnforschung Ausgangs des 20.Jahrhunderts, die sie für den Zeichenunterricht nutzbar macht. Ihre Methode hat sich in der Tat als produktiv erwiesen.
Auf ihre Argumentation kann ich an dieser Stelle nur verweisen. Wen es in der Tiefe interessiert, dem empfehle ich, das in der ersten Stunde genannte Buch zu lesen.
Wer entdeckt, dass ihn dieser Ansatz tatsächlich weiterbringt, dem empfehle ich für die praktische Übung unbedingt das genannte "Workbook" (= Arbeitsbuch).
Hier ein Auszug aus Betty Edward, Garantiert Zeichnen lernen, S. 56, Die zwei Hälften unsere Gehirns:
Hier stehen sich die Leistungen der beiden Gehirnhälften gegenüber. Als Zeichner ist dabei von Belang, wie man in seiner Arbeit die Einsprüche des kontrollierenden L-Modus mindert und die Fähigkeiten des zusammenfassenden, ästhetischen R-Modus aktiviert.
(Bitte auf die Abbildung klicken. Die Vergrösserung erscheint in einem neuen Browserfenster, das Sie dann ausdrucken können).
Die Übungen dieser Einheit geben Beispiele dafür, auf welche Weise und mit welchen Hilfestellungen man seine rechte Hirnhälfte aktiviert:
Abende 18./19. April.:
Übung 1
20 Minuten Konturzeichnen eines Sammelsuriums vieler Einzelgegenstände auf einer Unterlage.
Es ging darum, sich auf eine Augenreise entlang der Gesamtansicht der Gegenstände zu machen, ohne allzu sehr auf die Einzelobjekte einzugehen. Ich habe mit der Übermenge von Gegenständen ganz bewusst eine visuelle Überforderung im Sinn, Sie sollten sich also ganz auf Ihr Auge verlassen, da ihr innerer Controletti da ganz schnell aufgibt, zumindest sollte er das... Abwege ins Innere des Stillebens sind selbstverständlich zugelassen!
Übung 2:
Konturzeichnungen einzelner Objekte dieses Stillebens. Es ging darum, sich mit jedem einzelnen Objekt relativ lange auseinanderzusetzen. Innen und Aussen.

Ziel aller Übungen der Einheit 2 ist immer, sich dazu zu bringen, immer länger auf das Objekt zu schauen als auf das Zeichenblatt. Die Objekte sollten nahezu "blind" gezeichnet werden. Nur so ist die Verbindung von Wahrnehmung und Zeichenhand herzustellen.
Wagen Sie es doch einmal, alles was Sie sehen, völlig blind zu zeichnen, ist doch egal, ob alles auf dem Blatt ordentlich anfängt und aufhört. Es kommen sehr poetische Ansichten alltäglichster Dinge zu Stande...
Wagen Sie es doch einmal, alles was Sie sehen, völlig blind zu zeichnen, ist doch egal, ob alles auf dem Blatt ordentlich anfängt und aufhört. Es kommen sehr poetische Ansichten alltäglichster Dinge zu Stande...
Abende 2./3. Mai:
Die Übungen des Abends kreisten um das Phänomen des "Negativen Raumes". D.h. nachdem wir nun gelernt haben, die Grenze eines Objektes nach aussen hin zu beobachten, um so die Kontur eines Gegenstands darzustellen, lernen wir an diesem Abend, Gegenstände von ihrer Umgebung her zu sehen. Wir stellen fest, dass die Kontur ja auch von dem umgebenden Raum her geprägt wird. Manchmal ist es leichter, einen komplizierten Gegenstand zu zeichnen, indem wir wiedergeben, welche Form der Hintergrund darstellt. Zeichnen Sie einfach mal alles, was auf einem Tisch liegt so, dass Sie nur die Formen der freien Flächen des Tischs zeichnen...
Übung 1:
20 Minuten Zeichnung eines umgedrehten Stuhles (2.Mai) bzw. eines Spinnrades (3.Mai) auf einem Tisch.
Übung 2:
20 Minuten Zeichnung eines Blumenstrausses.
Es ist bei beiden Übungen insbesondere darauf zu achten, welche Form die "Löcher", also Durchsichten und damit der Hintergrund des Gegenstands hat.
(An diesen Abenden hatte ich meine Kamera nicht mit dabei. Falls Jemand von Ihnen eine Fotografie oder einen Scan seiner Zeichnung gemacht hat, würde ich diese gerne nachträglich hier noch gerne einfügen!)
(An diesen Abenden hatte ich meine Kamera nicht mit dabei. Falls Jemand von Ihnen eine Fotografie oder einen Scan seiner Zeichnung gemacht hat, würde ich diese gerne nachträglich hier noch gerne einfügen!)
Abende 9./10.5.:
An diesem Abend habe ich Ihnen die Verwendung unterschiedlicher Zeichenfedern vorgeführt und Ihnen zum Probieren gegeben. Wenn es auch anfangs schwieriger erscheint, unterstützt das Zeichnen mit der Feder die Entwicklung eines guten Strichs. Gerade die Übungen zum Konturzeichnen eignen sich besonders gut dafür. Gerade auch das häufige Eintauchenmüssen z. B. unterstützt nebenbei auch noch, dass man nicht zu eilig Linien "hinhaut", sondern geduldig und langsam arbeitet.
Wenn Sie feststellten, dass das Federzeichnen "Ihr Ding" (einige von Ihnen habe ich da im Auge...) ist, dann empfehle ich Ihnen diesen Händler, der alte und gut brauchbare Zeichenfedern handelt. Alles, was Sie sonst so üblicherweise im Schreibwarenhandel oder sogar bei boesner bekommen, ist absolut untaugliche, schlecht produzierte Ware, weil diese Kultur seit Jahrzehnten perdü ist...
http://www.kalligraphie.ch
Schreibfedern, Spitzfedern, Zeichenfedern sind die richtigen Rubriken!
Übung 1:
Wir haben die Übung der blinden Handzeichnung um eine Dimension erweitert, indem wir nun mit der Feder langsam sowohl der Aussenkontur aber auch der Innenkontur folgen. Innenkonturen sind Entscheidungssache des Zeichners/der Zeichnerin, welchem der vielen möglichen Wege er/sie durch die Landschaft seiner/ihrer Hand (oder eines anderen Gegenstands) folgen möchte:
Da ich, wie Sie sehen, endlich wieder Bilder veröffentlichen kann, werde ich in den nächsten Tagen weitere Fotos aus der Reihe der "Gesten" hier einstellen, auch aus den vorangegangenen Stunden. Sie werden verblüfft sein, wie gut die Arbeiten geworden sind!
An diesem Abend habe ich Ihnen die Verwendung unterschiedlicher Zeichenfedern vorgeführt und Ihnen zum Probieren gegeben. Wenn es auch anfangs schwieriger erscheint, unterstützt das Zeichnen mit der Feder die Entwicklung eines guten Strichs. Gerade die Übungen zum Konturzeichnen eignen sich besonders gut dafür. Gerade auch das häufige Eintauchenmüssen z. B. unterstützt nebenbei auch noch, dass man nicht zu eilig Linien "hinhaut", sondern geduldig und langsam arbeitet.
Wenn Sie feststellten, dass das Federzeichnen "Ihr Ding" (einige von Ihnen habe ich da im Auge...) ist, dann empfehle ich Ihnen diesen Händler, der alte und gut brauchbare Zeichenfedern handelt. Alles, was Sie sonst so üblicherweise im Schreibwarenhandel oder sogar bei boesner bekommen, ist absolut untaugliche, schlecht produzierte Ware, weil diese Kultur seit Jahrzehnten perdü ist...
http://www.kalligraphie.ch
Schreibfedern, Spitzfedern, Zeichenfedern sind die richtigen Rubriken!
Übung 1:
Wir haben die Übung der blinden Handzeichnung um eine Dimension erweitert, indem wir nun mit der Feder langsam sowohl der Aussenkontur aber auch der Innenkontur folgen. Innenkonturen sind Entscheidungssache des Zeichners/der Zeichnerin, welchem der vielen möglichen Wege er/sie durch die Landschaft seiner/ihrer Hand (oder eines anderen Gegenstands) folgen möchte:
Übung 2:
Suchen Sie sich einen beliebigen Gegenstand in Ihrer Umgebung und zeichnen Sie ihn auf die gleiche Weise wie oben, indem Sie zunächst die Kontur aussen, dann aber auch einen selbst organisierten Trip ins Innere des Objektes zeichnen:
Ein weiterer wichtiger Part der vergangenen Stunden war das sog. "Gestische Zeichnen", das ich in seinen Grundzügen schon in der ersten Stunde der Einheit 2 skizzierte. Hier ging es darum, mit den Mitteln, die wir bisher erarbeitet haben, posierende Menschen schnell zu erfassen. In der Regel haben wir Sequenzen von 1-Minuten-Posen gezeichnet, in der letzten Stunde fügten wir 2 Sitzposen über 5 Minuten an, die ein etwas anderes Herangehen erforderten.
Wenn Sie Ihre Ergebnisse hier sehen, werden Sie wohl kaum glauben, dass Sie das waren. Ich bin begeistert davon, wie lebendig Ihre Zeichnungen geworden sind:












Vielen Dank für die ausführliche Dokumentation. Macht sehr viel Spass bei dir! :-)
AntwortenLöschen