Die beiden "Spieleabende" vom 11. und 18.3. hatten zum Ziel, die wichtigsten intuitiven Zeichenmethoden wieder ins Bewusstsein zu holen und in einer lockeren Annäherung daran klar zu machen, was wir schon immer sozusagen "aus dem Bauch" heraus und quasi ohne Kulturdressur für Kenntnisse und Möglichkeiten haben.
Wir werden uns künftig bei der Auseinandersetzung mit der gesamten menschlichen Figur sehr stark darauf verlassen müssen, was wir aus unserem Erfahrungsschatz und unseren intuitiven Grundvermögen mitbringen.
Detaillierter:
Mit den motorischen Möglichkeiten haben wir uns im ersten Teil befasst: SKRIBBELN = zeichnen aus der inneren und äusseren Bewegung heraus. Linienqualität ist ein weiteres darin inbegriffenes Thema.
Der zweite Teil handelte von unseren sensorischen Möglichkeiten - also, was sich durch die Sinne erschliesst, möglichst ohne Einspruch durch die Filter des Analytischen: BLINDZEICHNEN - obwohl das ja genauer betrachtet paradox ist, denn wir schauen dabei ja so genau wie selten zuvor - nur kontrollieren wir unsere Produktion nicht mehr so stark!
In diesem Teil ging es nun darum, die motorische Bewegung mehr oder weniger sinnvoll anhand der Wahrnehmung zu organisieren und vor allem mit den unmittelbaren Beobachtungen an einem Gegenüber zu füllen - zuerst an unbelebten Objekten aus Natur und Kultur, dann an statischen Abbildungen und zuletzt echten, lebendigen und beweglichen Menschen.
Die Spiele des Abends zeigten oder sollten zeigen:
- Das Zeichnen macht das Sehen sichtbar! So sollte man das wahre Verhältnis von Zeichnen und Sehen sehen.
- Das WESEN, den Kern der Dinge sehen zu lernen, darum ging es. Wir haben generell als Vorwissen ein grosses Bewusstsein von Form(en), Identifikation und Zuordungen von Formen und Texturen fällt uns an sich nicht schwer, selbst wenn wir "nur" mit Händen sehen.
- Die Formen aber nun der Zeichenhand gleichzeitig mitzuteilen ohne dabei ins konstruierende, geometrisch abstrahierende, symbolische Zeichnen zu fallen, ist schon ein nicht mehr ganz so trivialer Schritt.
Es geht hier um die GESTE eines Objekts, also das, was es tut, nicht das, was es ist!
- Die Synchronisierung von Wahrnehmung und Zeichenhandbewegung ist hilfreich, aber schon nicht mehr so unmittelbar gegeben. D.h., man muss das "Blindzeichnen" üben, genauer gesagt, das reine Sehen sehen lernen. Hier geht es um Einlassen und Zeit lassen. Die Hand berichtet dabei seismografisch, was man sich genau anschaut, führt nur aus, was das Sehen erforscht.
- Man sieht zeichnerischer, wenn man sich fragt, was etwas tut, wohin es sich bewegt, welche Linienart (Gerade oder Krumme) zu sehen ist, anstatt dass man dauernd identifiziert: Das ist Haar, oder Kopf, oder Nase - denn sofort springen, kaum gedacht, die Abstraktionen herbei und Schluss ist mit der Beobachtung und dem Kontakt durch die Sinne...Leider befinden wir uns kultürlich dauernd in diesem den Alltag ermöglichenden Modus, man braucht also Tricks, das wenigstens temporär auszusetzen.
- Auf den Kopf gestellt ist plötzlich alles einfacher, mehr bei sich und nicht ganz normal...(Die Reflexion des Begriffes von "normal" ist hier ggf. hilfreich). Ein Zeichner sucht an sich selten das "Normale"... denn das endet oft in Floskeln und Formeln.
Generell gilt: Als Zeichner suche ich nach einer List, mein Vorwissen möglichst auszutricksen, um der Ansicht des Hier und Jetzt nahe zu kommen. Hernach darf ich gern auch wieder etwas wissen - aber erst gilt es, etwas zu SEHEN.
- Es gibt womöglich eine mehr oder weniger starke "Sensation der Berührung", sobald man sich betrachtend auf ein Gegenüber einlässt. Das kann sich darin äussern, dass man auch das Zudringen und die Grenzüberschreitungen des ungefiltert Schauens bemerkt und sich bewusst wird, was es für einen Zeichner bedeutet, der Wirklichkeit ansichtig zu werden - eine gute Einstimmung generell ins Menschenzeichnen... Empathie kann hier unbedingt hilfreich sein. Sich hineinzuversetzen macht die Zeichnung erst relevant.
Und "Wirklichkeit" ist auch so ein schöner Begriff, dem man mal kurz genauer aufs Wort schauen darf...was wirkt in der Wirklichkeit auf wen oder was?
Für die kommenden Wochen des "Figurzeichnens" bitte ich zur Einstimmung unser sog. "Zeichenritual" noch einmal in Erinnerung zu rufen und ebenso die Grundlagen des motorischen und sensorischen Zeichnens - also alles, was wir im ersten Semster erarbeitet haben.
Zeichenritual
Praxis:
2 Warmups a 10 Minuten, Grosses Zeichenbrett/-Blatt, grober Zeichenstift:
- "Das volle Orchester stimmt sich ein" - organisierte Ideomotorik: Denkt an einen orchestralen Zeichenspursatz mit allen Intrumenten, staccato-legato, ppp-fff, largo-presto - auf einmal, in- und übereinander, grosses Tamtam...
- "Alle Vögel fliegen auf" - die Bewegung eines grossen Vogelschwarms, aber ohne einen einzigen Vogel zu zeichnen (weder Schnabel, noch Flügel, noch Augen, noch Krallen, noch...). Versetzt euch in die verschiedenen Möglichkeiten, mit der Linie aus der Schwere in das Leichte zu kommen, beidhändig oder nur mit links wäre auch eine Option.
Spiele des Abends:
4 Spiele um das Wesentliche zu sehen/fühlen:
1) Unter einem Tuch versteckt auf dem sog. Krabbeltisch liegen etliche Gegenstände aus Kultur und Natur. Sie gilt es mit einer Hand zu tasten und das "Gesehene" mit der anderen Hand in einem schnellen Skribble festzuhalten. 5 Min.
2) Einen Gegenstand herausholen und blind - also ohne dabei auf das Zeichenblatt zu schauen - zeichnen, was der Gegenstand tut, was seine Geste, sein Formkern ist. Mehrere Gegenstände in 5 Min.
3) Einen (anderen, weiteren) Gegenstand wahllos oder zufällig unterm Tuch hervorholen und dessen AUSSENKONTUR blind zeichnen. Langsam, "Flohtours". In 5 Min. 1 Zeichnung.
4) Wie oben, nur diesmal die BINNEN-kon-TOUR. In 5 Min. 1 Zeichnung.
Im Endeffekt verbinden diese Übungen sowohl das Motorische, das Erfassen der Geste eines Objekts als auch eine erste Annäherung an das Spezifische des Gegenstands.
3 Spiele zur Auge-Stift-Synchronisation:
1) Die ausgeteilte Kopfzeichnung von Hans Baldung Grien wird vollkommen blind unter einem Tuch nachgezeichnet. Wer es ganz tricky machen will, legt sich die Zeichnung auch noch verkehrt herum hin. Monster und sonstige Verirrungen auf dem Blatt sind intentional! 5 Min.
2) Vollkommen blindes Selbstportrait: Man startet mit dem Zeigefinger der einen Hand etwa auf dem höchsten Punkt des eigenen Kopfes und fährt langsam auf der Binnentour zum Kinn zu über interessante Zonen des eigenen Gesichts, folgt langsam Krümmungen, Falten, Dellen und zeichnet diese Bewegungen unter einem Tuch mit der anderen Hand synchron nach.
Synchron sagte ich...gleichzeitig also, wie eine seismografische Nadel, die die Erschütterung ;-) festhält... 5 Min.
3) Wie oben, nur diesmal ist das Gegenüber das Opfer. Die Fingertour findet natürlich nur in Gedanken bzw. mit den Augen statt! Die Zeichnung entsteht unter einem Tuch, also ohne Kontrolle. 5 Min.
Hans Baldung Grien, Kopf eines Mannes, 1516
(aus Daucher kop.)
Ich kann es in einem kunsthist. Reflex nicht lassen, euch auch auf die Bedeutung der Zeichnung aufmerksam zu machen: Die Inschrift deutet auf eine Darstellung Saturns http://de.wikipedia.org/wiki/Saturn_(Mythologie) hin
2 Abschlussspiele, die das Erfahrene zusammenfassen sollen:
Wir zeichnen uns zeitgleich beim Zeichnen auf ein A3-Blatt. Das grosse Zeichenbrett, meist auf die Oberschenkel aufgestellt, schneidet als quasi leerer Raum ja so viel vom anderen aus, dass wir das Zeichnen der entstehenden negativen Formen zugleich üben können, d.h. wir sehen ja nur Teile des Anderen um die viereckige Fläche herum.
1) Als gestische Zeichnung, die nur das Wesentliche zeigt. Was tut der Andere? Wie sitzt er/sie? Welche besondere Form des konzentriert Sitzens sehe ich? Welche Figur macht das?
Schnelles Skribble. 1-2 Min.
2) Als Kombination von Aussen- und Binnen-kon-TOUR-Zeichnung, die notwendigerweise verwackelt, da alles lebt...
Ausführlich, langsam. 10 Min.

















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