Wir werden in diesem Teil ab sofort alle bisher angeeigneten Methoden und Techniken sowie alle Werkzeuge anwenden. Genauer gesagt liegt es ab jetzt an Ihnen, für sich selbst herauszufinden und zu entscheiden, welche Herangehensweisen und Werkzeuge für Ihr Ziel angemessen ist.
Selbstverständlich werde ich Sie dabei allerdings immer mit Tips und Rat unterstützen.
Der Teil 3 ist als Übergang für den kommenden Kurs zum Menschenzeichnen gedacht. Alle Teilnehmer, die den Jahreskurs (vorläufig) an dieser Stelle beenden, haben im Laufe des vergangenen Jahres dennoch alle wesentlichen Themen und Methoden des Zeichnens für Beginner zumindest kennengelernt und können mit den vorgestellten Übungen und Anregungen ihren eigenen Weg in das fortgeschrittene Zeichnen weitergehen.
So soll zum zum Ende des Teiles 3 zumindest die formale Grundlage für die Beobachtung von Gesichtern gelegt werden.
Die Tafelanschrift der Stunde zeigt das Vorgehen für die kommenden Stunden:
Sie werden in den nächsten Stunden ein Konstruktions- und Beobachtungsgerüst kennenlernen, das Ihnen ein praktische Hilfe beim Studium von Gesichtern bietet. Alle Verhältnisse und Maße sind allerdings nur eine Art von Modellvorstellung, die vorerst nur Ihren Blick leiten soll. Sie werden bei der Anwendung und zunehmend deutlicheren Beobachtung rasch merken, dass diese Modelle keinem einzigen wirklichen Anblick eines Menschen entsprechen.
Sie prägen sich mit den Übungen der nächsten 3 Stunden also nur Betrachtungsmuster ein, die Ihnen die realen Menschenköpfe und deren individuellen Abweichungen zu verstehen helfen!
In der ersten Stunde dieses Teiles geht es einzig, allein, nur und ausschliesslich um das Sehen der Grössenverhältnisse und der Auseinandersetzung mit den groben Formen, die das Gesicht bestimmen.
Ich habe Ihnen zur Veranschaulichung einen simplen Pappkarton mitgebracht, der dem Volumen unseres Schädels in etwa entspricht und das grundlegende Verhältnis von Höhe zu Breite repräsentiert.
Dieses Verhältnis ist zugegebenermassen sehr schlicht zu begreifen, dennoch gelingt es nicht sofort, das richtige Verhältnis intuitiv gleich richtig zu zeichnen.
Ich habe Ihnen an der Tafel eine Zeichen- und Beobachtungshilfe demonstriert, die als Ausgangspunkt plausibel erscheint.
In wenigen Schritten gehen Sie wie folgt vor:
1. Ermitteln Sie eine Ausgangsbreite am Besten an Ihrem eigenen Kopf, indem Sie (vorerst nur ungefähr) die breiteste Stelle an Ihrem Kopf mit Daumen und Ringfinger einer Hand ermitteln. Die breiteste Stelle am Kopf ist unterhalb des Scheitels etwas weiter hinten, wo Scheitel- und Schläfenbein zusammentreffen.
Diese Breite ist vorerst unser Ausgangsmass.
2. Zeichnen Sie ein Quadrat mit dem oben ermittelten Maß.
3. Halbieren Sie das Quadrat vertikal und horizontal. Die vertikale Mittelachse verlängern Sie bitte gleich nach oben und unten über das Quadrat hinaus.
4. Ziehen Sie eine Diagonale in der oberen Hälfte des Quadrats von der Mitte links aus in die rechte obere Quadratecke und schlagen Sie dann von der Mitte der linken Quadratseite aus mit dem Radius dieser Diagonalen einen Bogen, der die nach oben hin verlängerte linke Quadratseite schneidet.
Sie erhalten so die Höhe des (idealen) Schädels, wobei das Verhältnis von Höhe zu Breite im sog.Goldenen Schnitt (1 : 1,6....) steht.
Dieses Verhältnis von Höhe zu Breite wird vorerst unser Ausgangsmass beim Zeichnen von Frontalansichten.
Hinweis: Das ist natürlich nur ein gedachtes Konstrukt und mit der Realität nur ungefähr - aber auffallend angenehm! und darum geht es - ähnlich.
Ich möchte Sie an dieser Stelle nur auf die mögliche Diskussion über den Goldenen Schnitt und die uferlosen Spekulationen über die schöne Ordnung der Dinge, Schönheit überhaupt und auffällige Harmonien (und Rekursionen - hallo alle Mathematiker, hi Jürgen) in mancherlei natürlicher Gestalt hinweisen, sie aber im Kurs - vorerst - nicht führen! Wir werden also damit erst einmal möglichst pragmatisch verfahren und uns nur ein dem Gegenstand angemessenes (sic!) und zweckmässiges Hilfsmittel daraus bauen.
Im nächsten Schritt suchen wir die markantesten Linien der Frontalansicht:
1) Halbieren Sie die soeben ermittelte Gesamthöhe des Kopfes horizontal. Sie erhalten recht genau auf dieser horizontalen Mittelachse die Linie für die Platzierung der Pupillen.
2) Markieren Sie sich leicht die Oberkante des zuerst gezeichneten Quadrats. Diese Linie ist die sog. Brauenlinie, die für das Portraitzeichnen von besonderer Bedeutung ist.
3) Im Zentrum des Quadrats liegt der untere Nasenansatz. Diese Linie gilt es auch zu markieren. In der nächsten Stunde erfahren Sie, warum.
Voila! Wir haben haben eine Frontalansicht mit den Markierungen für Scheitel und Kinn, die maximale Breite, eine vertikale Mittelachse und eine horizontale Mitte, auf der irgendwann mal Augen platziert werden und wir ahnen schon die Brauen und den Nasenansatz - das genügt vorerst für unsere ersten Übungen.
Diese ersten einfachen Verhältnisse gilt es nun nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern auch sich zeichnerisch klarzumachen und übend zu erarbeiten. Ich habe Ihnen erklärt, dass wir aufgrund der Mächtigkeit des symbolischen Sehens grosse Schwierigkeiten haben, Grössenverhältnisse gerade am menschlichen Gesicht nüchtern und einigermassen korrekt zu beurteilen. Deshalb sollten Sie in den nächsten Übungen vorerst darauf verzichten, zielstrebig auf das individuelle Gesicht und dessen Einzelheiten zu steuern. Sie kommen sofort in den "Bann" des symbolischen Sehens, wenn Sie sofort linear unf damit fest umrissenene Formen für z.B. Augen, Nasen oder Münder zeichnen. D.h. Sie werden sofort Schwierigkeiten bei der Beurteilung aller Grössen haben, da für uns z.B. Augen und Münder zu bedeutungsvoll sind. Verzichten Sie also bitte erst einmal darauf und markieren Sie höchstens die Stellen, an der Sie die Einzelheiten vermuten.
Warmups:
1) Ermitteln Sie mit den Händen die Grössenverhältnisse Ihres Kopfes und zeichnen Sie kritzelnd und blind bis halbblind eine frontale Kopfansicht, die nur eine Art von "Scherenschnitt" oder eine Figur/Grund-Zeichnung eines real grossen Kopfes zeigen soll.
Es geht hier in erster Linie darum, ein Gefühl für die Grösse des realen Menschen-Kopfes im Verhältnis zum Zeichenblatt zu entwickeln.
2) Konstruieren Sie die oben beschriebenen grundlegenden Markierungen und Verhältnisse von Breite zu Höhe, Nasen-, Augen- und BrauenLINIE (nicht die Einzelheiten!) und Skribbeln Sie in dieses Gerüst Ihre Mutmassung über die Lage der Einzelheiten des Gesichts.
Bitte zeichnen Sie aus den oben erklärten Gründen nicht linear umrissene Augen, Nasen, Münder etc, sondern verdichten Sie nur die schnell geführte Linie an den Stellen, an denen diese zu erwarten sind.
Ich habe Ihnen dazu das Phänomen des "saccadischen Sehens" erklärt, das Sie nun mit der Stiftspitze nachstellen. "Saccadisch" beschreibt, wie unsere Blicke sehr schnell hin- und herwandernd das Gesamt eines Anblicks gleichsam scannen - was man heutzutags sehr schön mit sog. eyetrackern am Computer feststellen kann, die die Blickspur erfassen, grafisch nachzeichnen und so sichtbar machen. Ein Verfahren, das man z.B. in der Beurteilung von visuellen Botschaften in Werbung oder bei der Entwicklung von Mensch-Maschine-Schnittstellen einsetzt.
Bitte zeichnen Sie aus den oben erklärten Gründen nicht linear umrissene Augen, Nasen, Münder etc, sondern verdichten Sie nur die schnell geführte Linie an den Stellen, an denen diese zu erwarten sind.
Ich habe Ihnen dazu das Phänomen des "saccadischen Sehens" erklärt, das Sie nun mit der Stiftspitze nachstellen. "Saccadisch" beschreibt, wie unsere Blicke sehr schnell hin- und herwandernd das Gesamt eines Anblicks gleichsam scannen - was man heutzutags sehr schön mit sog. eyetrackern am Computer feststellen kann, die die Blickspur erfassen, grafisch nachzeichnen und so sichtbar machen. Ein Verfahren, das man z.B. in der Beurteilung von visuellen Botschaften in Werbung oder bei der Entwicklung von Mensch-Maschine-Schnittstellen einsetzt.
Übung und Hausaufgabe:
Zeichnen Sie so oft es geht das Grundgerüst und in dieses dann mit Hilfe eines Spiegels und der Methode der Einheit 2 (Blindzeichnen nach Betty Edwards) ein "Selbstportrait". Dass dies erst mal monströs wird, ist nicht schlimm und auch ein bisschen intendiert - denn in der nächsten Stunde erst ergänzen wir das Gerüst um einige wesentliche Positionen.
Ich ziele darauf, dass Sie erfahren, dass man erst sieht, was man weiss - dass aber ein gepflegtes Vorurteil auch von Nutzen ist...


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