Mit der 5. Stunde der Einheit 3 nähern wir uns dem Ende der Einheit, die sich mit den "Werkzeugen des Sehens" beschäftigte. Sie haben bisher erfahren, dass alles, was Sie in vorangegangenen Einheiten sozusagen intuitiv geschenkt bekommen haben, nun sauer erarbeitet werden muss.
Zu der bewussten Wahrnehmung der Körperlichkeit der Gegenstände, deren Grundformen und Ausdehnung, die Sie auch noch mühsam messend ermitteln lernten, gesellen sich nun schlussendlich Konstruktionsregeln des Raumes, die Sie als Zeichner zumindest in groben Zügen kennen sollten.
Ich habe Ihnen eine kurzgefasste Geschichte der Entwicklung der Perspektive bzw. deren Wiederentdeckung in der Renaissance gegeben und Sie bei näherem Interesse insbesondere auf Brunelleschi und Alberti hingewiesen, deren (Wieder-)Entdeckungen am Anfang des Kapitels der konstruierten Raumillusion stehen.
Bitte machen Sie sich immer wieder bewusst, dass Sie als Zeichner mit Hilfe dieser Konstruktionsmodelle eine Illusion von Raum in die Zweidimensionalität des Blattes bringen.
Für architektonische Konstruktionszeichnung ist eine gewisse Präzision dieser Konstruktionsmittel notwendig, als künstlerischer Zeichner brauchen Sie nur selten diese Art von Präzision in einer Zeichnung.
Mit anderen Worten: Prägen Sie sich vorerst nur die grundlegenden Elemente der Perspektivkonstruktion ein und beginnen Sie, zeichnend und häufig als auch bewusst beobachtend diese Phänomene auf ihre Notwendigkeit für Ihre Arbeit hin abzuklopfen.
In der Regel genügen nach meiner Erfahrung einige wenige grundlegende Linien, um den Gegenständen auf Ihrem Blatt einen plausiblen Raum zu geben.
Zentralperspektive oder 1-Punkt-Perspektive:
In dieser Stunde haben Sie mit Hilfe einer zentral befestigen Schnur ein einfaches und praktisches Hilfsmittel kennengelernt, mit dem Sie sich schnell auf dem Blatt eine ZENTRALPERSPEKTIVE so anlegen können, dass Sie alle notwendigen und zum zentralen Fluchtpunkt strebenden Gegenstände einzeichnen können. Auf grösseren Formaten oder einer Leinwand können Sie die Schnur auch mit etwas Pigmentstaub einfärben und mit einem sog. "Schnurschlag" schnell die wichtigsten Linien so anlegen, dass Sie alle weiteren Linien der Zeichnung daran orientieren können.
Wichtig ist es, sich zu merken, dass Sie auf Ihrem Zeichenblatt mit der Anlage der Horizontlinie und dem zentralen Punkt, zu dem alle verkürzten Linien laufen, die Augenhöhe des Betrachters festlegen und damit zugleich Ihren Standpunkt.
Die Vorderansicht der gezeichneten Objekte ist stets parallel zum Bildrand, d.h. alle vertikalen und horizontalen Linien bleiben unverkürzt.
Warmups (Lockerungsübungen):
Als Auftakt für das modellierende Zeichnen, galt es an diesem Abend drei Streifen auf einem grossen Zeichenblatt anzulegen und sorgfältig mit Hilfe einer sog. Kreuzschraffur Grauwerte zu üben. Für das gegenständliche Zeichnen in Licht und Schatten sind diese Übungen unerlässlich. Die Kreuzschraffur ist dabei eine klassiche Disziplin, die zuerst etwas stur und trocken erscheint, aber Sie werden sehen, wie variantenreich sie sein kann.
Schauen Sie sich auch gerne einmal einen Meister der Kreuzschaffur an - Giorgio MORANDI:
Aber vorerst genügte es, dass Sie den ersten Streifen in 4 unterscheidbare Grauwerte, den zweiten in 8 und den letzten als ein kontinuierliches Band von Schwarz nach Weiss (=leer) in unzähligen und ineinandergehenden Grauwerten schraffierten.
Im zweiten Warmup haben Sie diese Fertigkeit eingesetzt, um "Schlimme Würfel" zu zeichnen.
Auf mittelgrau getöntem Grund haben Sie mit Kohle und Kreide deformierte Kuben gezeichnet, die Ihnen vor Augen führen sollten, dass auch ohne präzise Raumkonstruktion ein plausibler und starker Eindruck von Dreidimensionalität herzustellen ist.
Die Übungen des Abends bereiteten Ihre Beobachtung und Aufmerksamkeit auf die Wunder des Raumes vor:
Übung 1:
Mit Hilfe einer Acrylglasplatte konnten Sie erforschen, wie sich Horizont, Fluchtpunkte und Ihre jeweilige Position zueinander verhalten. Sie haben hoffentlich gesehen, dass der Horizont "irgendwo weit hinten in Nagold und weiter" liegt und dass sich das Bild bzw. die Fluchtpunkte, Kanten und Linien auf der Platte mit jeder Ihrer Bewegungen verändern. Was merkwürdig ist. Im Wortsinne.
Sie sind der Boss - was den Standpunkt anbelangt, dem der Betrachter zu folgen hat - was zugleich Stärke und Schwäche dieses (Kultur-)Konstruktes ist. Auch das sollte zu Denken geben.
Übung 2:
Zeichnung einfacher Quader im Raum, mit Hilfe einer zentral befestigten Schnur und dem Wissen um das zentralperspektivische Modell.
Bücher dazu:
Simpel und praktisch, das Wesentliche:
Giovanni Givardi,
Landschaften und Perspektiven
Wien 2007
Ausführlicher, spielerischer, etwas altbacken lustig:
Hugo Peters
Der Äugel - Die Kunst des räumlichen Zeichnens
1964, Neuauflage 2001
Ausführlich:
Henk Rotgans
Räumliches Zeichnen
Freiburg 2009
Wer sich für die klassische Anwendung des modellierenden Zeichnens interessiert:
Juliette Aristides
Classical Drawing Atelier
New York 2006
(Gibt es leider nur in englisch)







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