Montag, 21. November 2011

Abschluss Teil 1 (Fläche und Komposition) - 14./15.11.11

Nach der "Qual des Sachzeichnens" folgte dieses Mal nun das Spielen.
Ich werden mitunter allerdings das Gefühl nicht los, dass für manchen das Spiel die noch grössere Qual zu sein scheint ;-) ...


Ich hoffe, ich konnte Sie in meiner kurzen Skizze zu einer Theorie der Kreativität davon überzeugen, dass jeder künstlerischer Prozess eine ausgewogene Balance zwischen sachlicher Disziplin, Handwerk, Wissen einerseits und andererseits einer risikobereiten Offenheit für selbstvergessenes Spiel leisten sollte.
Ich habe festgestellt (und lerne also auch weiterhin in der Zusammenarbeit mit Ihnen), dass der Begriff des Spielens nicht selbstverständlich und als Handlung für Erwachsene schon gar nicht so leicht umzusetzen ist.

Man muss das Spielen auch erst üben...sich erlauben, zulassen...

Es kann - nein soll sogar - beim Spielen mit den Materialien und den künstlerischen Formen durchaus unordentlich, wild, chaotisch, mitunter sinnfrei und absurd zugehen - letztlich aber ist unsere Wahrnehmung gerade dann am wachsten, wenn unbekannte Strukturen, Phänomene, Formen vor unseren Augen "geschehen". Und darum geht es. In dem Moment, in dem Sie als Spieler die scheinbar zufälligen Begegnungen herstellen und arrangieren, steuern Sie sowieso mehr oder weniger bewusst das Geschehen.
Ziel der Übung des Spielens ist es also, den ausgetretenen Pfad Ihrer Vor-einstellungen, Vor-stellungen, Vorurteile (d.h. das, was ich den übermächtigen inneren Controlletti oder die Antizipation nenne) zu verlassen und sich als experimentierender Beobachter mit Neugier dem aussetzen, was durch Ihre dauernd wechselnde Spielregel da gerade vor Ihnen geschieht.

Im besten Fall erleben Sie für Sie neue Möglichkeiten der Materialien und Formen, die Sie dann in organisierterer Form bewusst für Ihre geplanten Arbeiten einsetzen können. Das ist der Sinn und Zweck der Übung. Sie erweitert nach und nach Ihren Horizont.
Sie sind als Beobachter Ihrer Erfahrungen gefragt. So entwickelt sich nach und nach Ihr Repertoire.
Sie sollten nur darauf achten, nicht immer nur beim Experiment stehen zu bleiben, sondern nutzen Sie möglichst bald das Erlebte und fangen Sie an, damit zu formen und gestalten.


Demo:
Im Nachklapp zur vorangegangenen Auseinandersetzung mit dem Zeichnen der Dinge um Sie herum, wollte ich Ihnen mit der Demonstration am Beispiel eines einfachen Objektes zeigen, wie Sie dabei ganz systematisch der Reihe nach die Aspekte des Körperlichen, die wir in Zeichnen 1 / Einheit 3 kennenlernten, anwenden können - und dabei frei sind in der Wahl, welchen Aspekt Sie bei einem jeweiligen Thema betonen, das der Gegenstand oft geradezu aufnötigt (z.B. Reflektionen und Transparenz bei Glas, Stofflichkeit in Licht und Schatten bei Tuch, Papierknäuel etc).


Zur Erinnerung, die Aspekte sind:
Die Grössenverhältnisse und Proportionen,
Perspektive,
Volumen, Überschneidungen und Grundkörper,
Kontur,
Licht/Schatten und Textur

Am Beispiel einer Glasflasche habe ich Ihnen vorgestellt, wie man Schritt für Schritt vorgehen kann - aber auch nicht muss.

1) Die Übung der Notans sollte Ihnen in der Vorbereitung durch mehrfaches Durchspielen der möglichen Formate und Platzierungen ein Werkzeug an die Hand geben, schnell und unaufwändig eine interessante Komposition in "Daumennagelgrösse" zu erstellen.
Die beste Lösung skizzieren Sie danach in etwas grösserem Massstab.

2) Nachdem Grösse und Format der Zeichnung feststehen, legen sie mit zarten Strichen eine erste sehr grob umrissene Komposition auf dem Zielformat fest.

3) Messend und vergleichend umreissen Sie mit zarten Strichen die Grössenverhältnisse der gewählten Gegenstände und tragen zart die Grundkörperformen, Überschneidungen und die wesentlichen, der Perspektive folgende Modellierungen der Formen ein (z.B. zarte Ellipsen, die das Volumen des Glases beschreiben).

4) Ist die grundsätzliche Anlage der Zeichnung einigermassen stimmig, sollten Sie nun präzisere Beobachtungen an der Kontur der Objekte eintragen. Sie haben gelernt, dass das Auge sehr empfindlich auf auch nur angedeutete Überschneidungen und Verkürzungen reagiert und bei sorgfältigem Einzeichnen mitunter nur ein paar richtig gesetzte Elemente völlig überzeugend genügen. Hier entwickelt sich nach und nach die Kunst des Weglassens, die das Wesentliche im Auge hat. (Sie werden nie und nimmer ein Photoapparat, dem jede Stelle des Objekts gleich gültig ist...- und sollten das auch nie anstreben!).

5) Jetzt erst, wenn das ganze Zeichengerüst geklärt ist, stürzen Sie sich auf Ihren persönlichen "Plot", das Drama, das Sie mit dem Objekt als wichtig empfinden und über das Sie mit Ihrer Zeichnung Bericht geben wollen.
Hier beobachten Sie an einer besonders überzeugenden Stelle, wie das Licht durch den Glaskörper fällt und alle Gegenstände hinter dem Objekt verzerrt werden, wie der Schatten fällt, wo überall Reflexe sind, welche wichtig, welche Nebensache sind usw.






Exkurs "Kubismus":
In einem sehr kurzen kunsthistorischen Abriss zur analytischen Phase des Kubismus
habe ich Ihnen hoffentlich eine Anregung geben können, wie Sie mit dem Material Ihrer spielerischen Experimente und der Herangehensweise des Sachstudiums eigene Lösungen entwickeln können.
Geleitet werden sollten Sie dabei durch den Ausspruch Cézannes, dass sich alles, was es zu sehen gibt, durch die Reduktion auf die Grundkörper Kugel, Kegel, Quader, Zylinder darstellen lässt.
(Wichtige Vertreter: Picasso, Braque, Gris)











Warmups:

1) Ein Thema des Abends war es, das Spielen zu lernen.

Das erste Warmup galt dem Material, das ich Ihnen in sehr verschiedenen Zuständen zur Verfügung stellte. 
Kohle als Pigment, als rußiges Holzkohle-Stäbchen, als gepresster Eisenoxid-Block, als in Holz gefasster Stift.
Dazu Knetgummi, andere Radierer, Wischer, Tücher, Papiertücher, Schablonen.

Wenn Sie das Thema der Schwärze faszinieren sollte, machen Sie weitere Experimente mit anderen Schwarz- und Anthrazit-Pigmenten wie Rebenschwarz, Elfenbeinschwarz, Eisenoxide, Lampenruß etc.
Schwarz ist nicht gleich Schwarz. Der Zeichner und Grafiker entwickelt ein besonderes Verhältnis zu den Farben des Schwarz.

Das Material Kohle ist das älteste Zeichenmaterial und relativ leicht und intuitiv zu verwenden.

Versuchen Sie alles, was Ihnen einfällt: Wischen, ausradieren mit Knetgummi, auf feuchtem Papier, auf verschiedenen Papiersorten, mit Tuch, Papier oder Wischer behandelt, mit Fingern, mit Pappen aufgetragen, über Schablone gewischt usw.









2) Von einem traditionellen Entwurf ausgehend, sollten Sie Elemente dessen, was Sie im Spiel entwickelt haben, für eine Andeutung eines konventionellen Stillebens einsetzen.







Arbeit des Abends:

Mit all diesen Erfahrungen und dem Input zum Kubismus im Hinterkopf, sollten Sie nun ein eigenes Werk im Geist des analytischen Kubismus anfertigen, das Ihre Spielergebnisse, die Ergebnisse des Sachstudiums sowie Ihre zunehmende kompositorische Freiheit vorführen.

Vorgaben: 
Kohle in allen Zuständen.
Mindestens A4 grosses Blatt.
Das Wissen um Komposition zeigen.












Mir gefallen Ihre Ergebnisse! 

Ich möchte Sie anregen, eher weniger Elemente und Problemstellungen je Arbeit zu versuchen, sondern sich auf ein paar Elemente zu reduzieren - diese werden dann, wie man sieht, sehr wirkungsvoll. 
Denken Sie allmählich in Reihen und Ensembles, die ein Thema mit verschiedenen Lösungen zeigen.
D.h., wenn Ihnen eine Arbeit gelingt und gefällt, zeichnen Sie mehrere Fassungen und mit wechselnden Gegenständen.

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