Sonntag, 13. November 2011

Sachzeichnen: Beobachtung der Details - 7.und 8.11.2011

Nachdem wir in den vergangenen Stunden mit grosszügigem und entspanntem Blick auf das "Grosse Ganze" noch genauer zu achten lernten, steht diesmal das Gegenteil an (Sie sehen schon, ich mag es schon wieder, in Gegensätzen/Polaritäten zu denken):
Der geduldige, scharfe Blick auf das allerkleinste Detail.

Notans I-III hat Ihnen Ordnungs-Werkzeuge an die Hand gegeben, den kompositorischen Blick zu schulen und die zunehmend selbstbestimmte und bewusste Komposition einer Zeichnung mit dem Blick auf die Gesamtgestalt des Blattes vornehmen zu können. 
Das allerdings bedarf jetzt aber geduldigen Übens und Schauens, auch unbedingt Ab-Schauens. 
Beispielhafte Künster habe ich Ihnen ja eine gute Menge gezeigt und genannt: Goya, Tiepolo, Lorrain, Rembrandt, Chardin, Cezanne, Braque und Picasso, Morandi.

Wen das Phänomen der "Gestalt" nun genauer interessiert, d.h. also das Vermögen, Dinge zu erkennen und ihnen Zusammenhang und Sinn beizumessen, findet von der Seite der Philosophie und besonders der Wahrnehmungspsychologie her sehr interessante Erklärungsansätze (Wikipedia: "Gestalt").

Heute nun aber wenden wir uns einer traditionellen Pflichtdisziplin zu, die insbesondere im Genre des Stillebens unvermeidlich ist und hier geradezu auf der Hand liegt.
Leider ist diese Pflicht mitunter so lästig, dass sie gerne ignoriert wird, da es einige Mühe kostet, sich mit Konzentration und der Erfahrung immer ungenügender Fähigkeiten, relativ "demütig und kunstfrei" dem klaren Blick auf einen beliebigen Gegenstand auszusetzen. Der Gegenstand heisst ja vermutlich auch so, weil er gegen steht, ja geradezu widersteht...

Wir werden also anfangen mit dem sog.

SACHZEICHNEN.

Ich sage bewusst, dass wir erst beginnen. Sie werden feststellen, dass es nicht einfach ist, dass Sie sich erst wieder alle diese Grundlagen des Sehens klarmachen müssen, die wir im ersten Teil des Kurses kennenlernten und die noch längst nicht geläufig sind:

- Konturbeobachtung und - zeichnung,
- das Messen, die Proportionen,
- der Raum und dessen Tücken in Verkürzungen und Überschneidungen, kurz:Perspektive,
- die Volumina und das Erkennen der Grundformen,
- die Texturen und Volumina in Licht und Schatten.

Verlangen Sie nicht von sich, all dies auf einmal zu können.

Vermutlich werden Sie sowieso erst einmal Ihre Mühe mit den einfachen Werkzeugen Kohle und Kreide (schwarz und weiss) auf mittelgrauem Untergrund haben. 
Studien dazu sind nötig und werden in den Warmups geübt.

Sie müssen erst den Modus der für den jeweiligen Zweck angebrachten Art von Schraffur erkunden und sich zu einiger Geduld damit überreden müssen - kurzum, diese Arbeit ist mühsam, zeitraubend und zuerst einmal: Frustrierend.

Was Sie im ersten Teil des Zeichenkurses beim Konturenzeichnen quasi intuitiv erfasst und fast geschenkt bekommen haben, wird jetzt zur Herausforderung an Ihre Beobachtungsgabe, Geduld und Erinnerung an einige Methoden - ich nenne sie bewusst nicht Kniffe und Tricks, sondern handfeste Regeln und Handwerkszeuge.

Nehmen Sie sich immer nur eine überschaubare Anzahl von Betrachtungsaspekten vor:
Messen Sie zuerst mit kleinen Markierungen, ermitteln Sie die Grössenverhältnisse, sowie die Grundformen und nehmen Sie sich dann erst, wenn Sie ein grobes Form-Gerüst skizziert haben, an einer markanten Stelle einen weiteren Aspekt vor, wie z.B. das Spiel von Licht und Schatten, oder eine besondere Struktur und Textur, also Stofflichkeit.

In unseren ersten Übungen geht es vorerst nur darum, überhaupt erst wieder den Blick auf eine Stelle zu richten und zu fokussieren. 
Die Auseinandersetzung mit den konkreten Dingen beginnt genau so. 
Erfassen Sie zuerst einmal die einfache Geste, die jedem Objekt eigen ist: 
Liegt es, steht es, gespannt, schlaff, starr, haptisch,  klar strukturiert oder überfordernd vielfältig im Wortsinne wie ein Papierknäuel oder Stofffetzen.. ??
Das lässt sich mit wenigen Strichen festhalten und erfassen.

Vertiefen Sie sich in Einzelheiten, behalten Sie aber dennoch das ganze Objekt im Blick. 
Es kann reizvoll sein, etwas sehr zu vergrössern und dann nur ein kleines Detail präzis wiederzugeben.

Diese Übungen sollten Sie in ihr tägliches Übungsritual aufnehmen und jeden Tag ein beliebiges Objekt mal mehr oder weniger ausführlich zeichnen. Am besten eignen sich völlig alltägliche Dinge. 
Zeichnen Sie Ihren Frühstückstisch, nachdem Sie gegessen haben - ein tolles Thema... und tauglich für eine Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Motive, die aber immer einen anderen Aspekt betonen.


Warmups:

1. Auf beliebig grossen Papierformaten unterschiedlicher Art (weiss, grau, farbig getönt) zeichnen Sie mit Kohle, Blei und/oder Grafit alle Arten von Hell-Dunkel-Modellierungen, die Ihnen einfallen. Schauen Sie sich um und ahmen Sie mit den Stiftspuren die Oberflächenstrukturen der Dinge nach: Glatt, schrundig, gepunktet, schartig etc. Füllen Sie den Speicher der Erinnerung an die Textur der Dinge...

2. Schraffieren Sie locker mit weissem Stift auf grau getöntem Papier die lichte Seite eines Objekts vor Ihnen. Achten Sie dabei auf Verdichtung und Auflockerung. Sinn der Übung ist u.a., dass Sie umgekehrt denken lernen und die Schatten als das Gegenteil des Lichts sehen lernen.


Arbeit des Abends:

Aus der Menge der Objekte stellen Sie eines vor sich, das Ihnen am meisten zusagt und zeichnen Sie es so genau wie möglich ab.
Sie können diese Übung halten, wie Sie wollen, mit Materialien, die Ihnen gefallen.
Versuchen Sie aber auch eine Zeichnung mit Kohle und Kreide auf grauem Grund.

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