Der Widerstreit und Ausgleich beider Kräfte bildet im Kern die elementare visuelle Gestalt der Landschaft - was ja unser augenblicklicher und allgegenwärtiger Studiengegenstand ist.
Sie sehen wiederum, es kommt in diesen ersten Kontakten mit der klassischen Naturbeobachtung nicht so sehr darauf an, einzelne Dinge und naturwissenschaftlich Identifizierbares wiederzugeben, sondern zuerst einmal die Beobachtung für das Ganze der sichtbaren Phänomene zu sensibilisieren.
Wie weit es in der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Dingen der Natur gehen kann und wie extrem abstrahierend dann diese künstlerischen Ergebnisse ausfallen können, dafür habe ich Ihnen exemplarisch 2 Arbeiten des insgeheimen Schirmherren der Stunde vorgestellt:
PIET MONDRIAN (1872 - 1944)
Mondrians Apfelbaumstudien der Jahre 1911-12ff. muss man als Vorläufer der äusserst reduzierten und abstrahierten späteren Arbeiten sehen, mit denen er üblicherweise assoziiert wird. In beiden Werken aber geht es um etwas, das uns als Zeichner heute noch und nach wie vor interessiert: Das Phänomen der Kräftebalance, der Statik und Dynamik - das fein ausbalancierte Gleichgewicht, das sowohl die Architektur der Zeichnung des Baumes als auch die Elemente der abstrakten Arbeit kennzeichnet.
Wie ich schon vergangene Stunde betonte:
Es geht dem Zeichner nicht darum, möglichst perfekt einen Gegenstand zu wiederholen, sondern einen Gegenstand und dessen Besonderheit als Anlass für eine Zeichnung zu nehmen, die sich dann durchaus auf ganz eigenem Pfad entwickeln darf, ja sogar muss...
In diesem Sinne geht es heute also zwar vordergründig darum, Bäume oder anderes Botanisches zu zeichnen, Sie sollten aber im Sinn behalten, dass es um die dahinter wirkenden und meist unsichtbaren Kräfte geht, die eine Form oder Gestaltung verursachen.
Beeindruckenstes Fremdwort der Stunde:
Negentropie.
In der vergangenen Stunde beobachteten wir zeichnend, wie es aussieht und in der freien (?!) Natur Gestalt annimmt, wenn die Dinge ihrem Drang zum Mittelpunkt der Erde der Schwerkraft folgend einen Zustand maximaler Unordnung und völlig energiefreier Entspannung aufsuchen, was ich Ihnen als das Prinzip der Entropie vorstellte - diese Woche schärfen wir unsere Sinne für das gegenteilige Prinzip, das ausserordentlich und atemberaubend vielgestaltig daherkommt.
In der Landschaft (die uns im Moment am meisten beschäftigt), begegnet uns dieses Prinzip des Wachsens, Strebens z.B. zum Glück in relativ statischer Form in der Gestalt von Gewächsen, die für den Zeichner den Vorzug haben, dass sie zumindest zeitweilig still halten und ihre Form für eingehendere Beobachtung für einen ausreichenden Zeitraum halten.
Bäume sind also seit jeher ein beliebtes Sujet des Landschaftszeichnens, ob nun als malerische Gruppe oder als Solitär. Der Baum als Symbol in der Kunstgeschichte ist auch einer Beachtung Wert. Googeln Sie mal...
Ich möchte Sie wenigstens für diese Stunde ermuntern, für einen Augenblick bei diesem für manche vielleicht altmodischen oder für die Kunst womöglich obsoleten Objekt zu bleiben, da Sie hier dennoch für die Gestaltung einer Zeichnung sehr wesentliche Beobachtungen machen können.
Als Element der Landschaftszeichnung sind Bäume sowieso unverzichtbar und wichtiges Inventar.
In dieser Stunde beschäftigten wir uns also mit den elementarsten Beobachtungen, die für eine einigermassen plausible Darstellung eines Baumes wichtig sind:
- Bäume haben eine charakteristische Architektur aus Stamm, Ästen, Zweigen und Blattwerk, die in der Regel absolut nicht unserem inneren simplifizierten Symbolbild eines Baumes entspricht. (s.o. Mondrians Baumstudie)
Schauen Sie sich gerade jetzt im Winter das Skelett von Bäumen genau an und messen Sie einmal das Verhältnis von Höhe und Breite mancher Baumarten.
- Dass Bäume Wurzeln haben, ist klar. Dass die Wurzel des Baumes mitzuzeichnen ist, sollte Ihnen einleuchten. Zumindest im Übergang von Grund und Stamm sollte das gesehen und in der Zeichnung zumindest angedeutet werden. Denken Sie beim Zeichnen darüber nach, dass sich der Baum auch nach unten sehr weit verzweigt - auch wenn man es nicht sieht, gestaltet dieses Wissen die Zeichnung mit.
- Die Silhouette oder der Umriss eine Baumes ist charakteristisch, aber mitunter durch andere Einflüsse der Umgebung verändert. Sie können gewisse asymmetrische Strukturen beobachten, wie überhaupt ein Baum so gut wie nie völlig symmetrisch ist.
- Ein Baum ist ein Gewächs, das zum Licht strebt.
- Ein Baum ist ein filigran ausbalanciertes Objekt aus viel Luft, Raum, Löchern, Verdichtungen und Auflockerungen.
- Ein Baum ist ein faszinierendes Stück Balance, Statik und Dynamik.
s.o. Mondrian
- Ein Baum ist räumlich und voller Überschneidungen.
- Ein Baum ist ein in alle Richtungen ausgreifendes komplexes Röhren- und Trichtersystem zum Auffangen und Verteilen von Licht, Luft und Wasser...
- Ein Baum hat ein Volumen wie jedes andere räumliche Objekt, dessen Form in Licht und Schatten modelliert wird.
Das sind nur eine Handvoll Anregungen, einen so alltäglichen Gegenstand mit den Augen des Zeichners anders oder vielleicht sogar neu zu sehen.
Zeichentechnische Erweiterung der Stunde:
Die Federzeichnung kann mit Hilfe eines groben Pinsels und damit locker aufgetragener, verdünnter Tusche laviert werden, mit der die Modellierung des Laubwerks grosszügig, locker und frei angelegt werden kann. Hier ist zugleich auch der Übergang zu einer malerischen Auffassung der Zeichnung.
Als Beispiel habe ich Ihnen eine lavierte Federzeichnung des Malers und Zeichners Claude Lorrain (1604-82) ausgeteilt, die Ihnen das Prinzip der Lavage in Vollendung vorführt.
Warmups:
1) SPIEL:
Neuauflage des Themas "Wildwuchs", aber nun spielerisch mit Tusche und Feder.
Evtl. sogar völlig extrem verdichtetes Netzwerk aus regelmässig-irregulären Linien aller Ausdrucksqualitäten.
2) STUDIUM:
Anatomie der Verzweigung.
Beobachten Sie konkret anhand der auf dem Tisch herumliegenden Äste und Zweige, wie ein Ast aus dem Stamm wächst, wie dabei Raum entsteht, beobachten Sie all die Überschneidungen und Verdrehungen.
Sehen Sie das bewusst auch einmal ganz reduziert als ein Röhrensystem aus konischen, sich verjüngenden Zylindern und zeichnen sie eine "geglättete" Baumarchitektur.
3) ADAPTION:
"Kopieren" Sie den ausgeteilten Lorrain und ahmen Sie dessen Methode der Modellierung der Laubmassen mit Hilfe der Lavage nach. Entwickeln Sie dabei aber auch eigene Methoden und einen eigenen Umgang mit dem Spiel von Kürzelzeichnung und Verdichtung und Auflockerung in Hell und Dunkel. Entwickeln Sie viele verschiedene Spielarten von Kürzeln für Laubwerk, indem Sie allerlei Häkchen, Wellen, Spitzen, Punkte etc. in unterschiedlicher Verdichtung zeichnen.
Übung und Hausaufgabe:
Zeichnen Sie einen Baum.
Egal wie. Ihr Ding, oder ausgeliehen bei wem auch immer, oder Ihre ganz eigene Interpretation des Phänomens, für das für Sie ein Baum steht...
Hilfreich ist wie immer auch das entsprechende Kapitel aus dem Daucher!
Es ist keine Schande, sich Anregungen zu holen und diese zu adaptieren, d.h. zur eigenen Sache zu machen.
Buch der Stunde:
Sarah Simblet, Botanik für Künstler
(Bei Amazon hier, kann man aber auch anderswo kaufen ;-)
Ausserordentliches bis einschüchternd gutes Beispiel für eine produktive und nicht unbedingt sentimentale Auseinandersetzung mit Gewächsen...
Resultate:
Ich wünsche Ihnen allen ein gutes Neues Jahr 2012 und freue mich, Sie am 9. und 10. Januar 2012 wieder zu sehen!



























Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen