Sonntag, 11. März 2012

Teil 1, Portrait: Frontalpose 2 - Strategien des Skizzierens, 5.3.12



THEORIE (30 Min.)
1) Überblick zum Ablauf des Teils 1: 
Frontalpose 1und 2:  Einüben ins Menschensehen als Ganzes, bis ca. einschl. 12.3.12
FP3u4: Anatomie > Schädel von vorne (19. und 26.3.) 
Alle weiteren Stationen dann nach Ostern, je nachdem, wie weit wir kommen.


2) Wie in aller Regel die Realität des Kopf -und Portraitzeichnens aussieht:
- Unterschied KOPF versus PORTRAIT: 
Vorläufig befassen wir uns natürlich in erster Linie damit, nur den Kopf eines allgemeinen Menschen zu erfassen (wer das auch immer ist...). Wir werden noch einige Mühe darauf verwenden müssen, aus mitunter seltsam verzerrten Monstern (auch was Schönes ;-))  akzeptable Menschenköpfe zu machen.
"Ähnlichkeit" aber ist eine andere Sache, eine Frage der Definition und damit ein weites Feld, das wir nach und nach betreten.
Lassen Sie sich zwischenzeitlich also nicht entmutigen vom fachmännischen/-fraulichen Urteil zufälllig über Ihre Schulter Schauender: "Das sieht dem aber gar nicht ähnlich" oder "Wer soll das denn da sein....der Klöckner von Notre Dame oder was..." - Aufbauende Entmutigungen dieser Art versuchen Sie bitte zu ignorieren! 
Bis wir Ähnlichkeit aus dem Ärmel schütteln können, vergeht noch einige Zeit an Beobachtung und Übung. Gönnen Sie sich diese und behalten Sie notfalls Ihre Arbeit vorerst für sich...


- Zu Ihrer möglichen Erfahrung von Unsicherheit, Panik und Unvermögen, seit wir die konkreten Menschenzeichnungen wieder aufnahmen:
Der Schock der Realität kann zwar zuerst einmal, aber darf Sie nicht so lähmen, dass Sie verzagt an die Sache gehen. Es ist ganz normal, dass man (nicht nur) als Anfänger an der Aufgabe zuerst einmal scheitert, einen realen Menschen aus dem Stand jetzt sofort und auch noch möglichst ähnlich zu zeichnen.
Zu viele tolle Portraits hat man schon gesehen, die wie schnell und frisch aus dem Ärmel geschüttelt dastehen. Man redet sich dann gerne insgeheim daran messend im Selbstzweifel damit heraus, dass man eben nicht das Talent dazu habe. Möglicherweise. In der Realität aber steht hinter diesen tollen Portrait-Zeichnungen aus der Kunstgeschichte oder dem Museum zumeist harte, fleissige Arbeit, also viel Studium, tausende missglückter oder wenigstens mittelmässiger Übungen und Skizzen und eine Menge Wissen - was alles zusammen erst das Können macht. 
Selten gelingt das aus dem Stand. Und selbst die größten Könner brauchen Zeit. Ich habe Ihnen von Lucien Freud erzählt, der ein Jahr und mehr an einem Portrait arbeitete. Mit Rembrandts Versuchen zur Ähnlichkeit seiner Modelle war man aus verschiedenen Gründen auch nicht immer glücklich ....


Fotografische Ähnlichkeit:
Sie könnten es sich ja leichter machen und mit manchen Kopiertechniken (wie Durchpausen oder Projektion) die Umrisse des Modells von einem Foto übertragen - gewiss heute auch legitim, je nach dem, was man sucht.
Aber selbst dafür brauchen Sie einen erfahrenen Blick und ein wenig Kenntnis von anatomischen Gegebenheiten, denn - man sieht nur und zeichnet folglich nur, was man weiss!
Mit dieser Methode erreicht man zwar schnell Effekte, Anerkennung und auch "Ähnlichkeit",  - die aber oft gerne eine mausetote, mechanische oder wenigstens nichtssagende Ähnlichkeit ist.
( Da portraitiert der Zeichner oft mehr sein Ego und eine mehr oder weniger meisterlich vorgeführte technische Prozedur - aber das ist meine persönliche Meinung dazu, der Sie sich nicht anschliessen müssen.)


Vorläufig  empfehle ich dagegen, etwas altmodisch zwar, den schwierigeren Weg über das Hinschauen und das sorgfältige Nachdenken, was sich in der Begegnung mit einem Gegenüber auf dem Zeichenblatt an Realität anderer Art ergibt, die eine andere als die fotografische Realität ist. In einem Portrait dieser Herangehensweise ergeben sich wie von selbst sehr viele Realitätsmomente, die zusammengenommen eine Sicht aus vielen inneren und äusseren Blickwinkeln kondensieren - das ist etwas völlig anderes, als das, was eine Kamera + Zeichenwerkzeug zu leisten in der Lage ist - auch wenn das als Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Photorealismus seine eigene Berechtigung und seinen Wert hat. Ich unterscheide in diesem Kurs die Möglichkeiten der Zeichnung stark von den Mitteln und Sehweisen der Fotografie. Wir werden uns dennoch auch mit ihr auseinandersetzen und sowieso als Lernmittel einsetzen.




Wie nun aber den "Blackout" vor dem Modell überwinden:
Wir werden künftig unsere Studien direkt vor dem Modell so beginnen, dass wir regelmässig 3 verschiedene, bewusst schnelle Methoden mit verschiedenen Beobachtungsschwerpunkten trainieren:


Man beginnt in diesem ersten Stadium immer möglichst ohne grosse Überlegung, mit raschen Skizzen, mit allen möglichen Strategien und Herangehensweisen, um gegenüber der Überwältigung des Komplexen und der Angst vor dem „Blackout“ vor allem irgendwie sofort aktiv zu werden. 
Zeichnen ist in diesem Stadium ein Herantasten an das Besondere des Modells - mit dem Wissen: "Keine(r) ist wie der/die andere! Und dann dazu auch noch ich in wechselnder Tagesform!..."


Wir reaktivieren also für das erste Stadium der ANNÄHERUNG schnelle Methoden des ersten Semesters.




(siehe Foto der Demo an Tafel):
Was der "Propeller" über den Bildchen andeutet: Im besten Fall kann der unten beschriebene Prozess der Auseinandersetzung mit einem Modell immer wieder alle Stationen der Wahrnehmung von vorne und vor und zurück ansteuern, mischen, ausloten, um am Ende aus allen Quellen zu schöpfen. So ergibt sich ein fortgesetzter und theoretisch endloser Lernprozess, bzw. Zeichenprozess.



Kopfzeichnen/Portraitzeichnen - "Ritual":
Stadium 1 - Annäherung an das Modell


- Aus Einheit 1 : Zeichner-ICH
Aus dem Bauch, spontan und expressiv, ohne Rücksicht auf Regeln und Ähnlichkeit, "drauflos", irgendwie. Ähnlichkeit ist total egal. Linienqualität ist wichtiger. Raus damit, irgendwie und irgendwas! Das Modell ist nur Anlass für meine Äusserung. Diese reicht von zärtlich bis vehement, und das bildet die Spur der Linie ab. Emotion pictures.
Hier zähl erst mal nur ICH...
(1 Minute Posen)

- Aus Einheit 2 : Guckst DU!
a) Gestisch empathisch zeichnend, dem wandernden Auge folgend und der seismografischen Hand das Sehen mitteilend. Simple Feststellungen: Modell hat Kopf, der ist ungefähr so, oder vielleicht doch eher so...oder doch ganz anders... 
Herangehensweise ist hier nur beinahe wie oben, diesmal aber deutlicher mit dem Fokus auf das Modell. Die Linie nimmt den Ausdruck des Gegenüber auf, es gibt Resonanzen. Man fliegt mit oder sinkt.
Diese Haltung entdeckt das Gegenüber, das DU sozusagen, allmählich einfühlend...
(1 Minute Posen)
Dann 
b) Blindzeichnen: Das Sehen wahrnehmend, ganz beim Modell, fast blind fürs Blatt, ganz Aug fürs Sehen. Es reichen hier möglichst genau betrachtete Fragmente der Aussenkontur und/oder Binnenkontur. Das Auge schaut dabei erheblich mehr auf das Modell, gestattet sich ganz wenige Kontrollblicke aufs Blatt. 
Die Linie verliert sich auf der Reise ins Detail. Flohtours.
(1 Minute Posen)

- Aus Einheit 3 : RICHTIG, so geht das!
Messen. Die einzig wirklich schnelle Methode dieser Einheit ist das vergleichende Messen und Setzen von simplen linearen Markierungen. Diese halten einfach und basal die Grössenverhältnisse und Grenzen fest und können später dann zunehmend komplexere Zusammenhänge markieren. Am Anfang reicht es einfach nur, wenn man die Silhouette erfasst, von der ausgehend man immer detaillierter nach Innen messen kann.
Die Linie hat hier möglichst Null Ausdruck, ist in der Regel eine kurze Gerade, grau, unauffällig, zweckdienlich. Beamtlich.
Die Haltung ist ganz kühl und sachlich beim Messen und Vergleichen, beim Allgemeinen der Regeln, also beim "MAN".
(5 Minuten Posen)

Meine Idee hinter diesem Ansatz ist, dass man auf dieser ersten Stufe der Annäherung an das Modell sozusagen von der Willkür des Allersubjektivsten (ICH) aus, über die Wahrnehmung des Anderen (DU)  zu allgemeinen Beobachtungen von Gesetzmässigkeiten oder Regeln (MAN) gelangt, diese wiederum mehr oder weniger gezielt anwendet oder in Frage stellt, indem man immer wieder von vorn oder neu ansetzt und andere Aspekte des Modells betrachtet, entdeckt und betont.
So erarbeitet man sich eine zunehmend bestimmtere Annahme vom Modell.
Erst dann beginnt man in einem nächsten Stadium auf „höherem Niveau“ wieder von vorn, mit einem in diesen schnellen Studien erarbeiteten und noch vage begründeten "Vorurteil", das nach zunehmend sorgfältigerer Klärung verlangt. Hier wären wir dann bei langen Posensitzungen von 10 Minuten, 20 Minuten bis zu 1 Stunde.

Hierzu noch einige Skizzen aus meinem Skizzenbuch von 1990ff. "Sei ganz Du selbst - Welcher?", das einige er oben beschriebenen Stadien und Methoden der Auseinandersetzung mit einem Modell illustriert (Monster inklusive):






PRAXIS :


Spiel: (ca. 20 Min.)
1) Warmup auf eigene Faust (5 Min Linien, Bögen)


2) 15 Min. Möglichst viele und schnell gekritzelte Rekapitulationen des simplifizierten Gesichtsaufbaus (Hilfestellung aus Daucher S.387), Bleistift auf 60x40 Blatt


Hier verstehe ich nicht ganz die am Abend aufgetretene Verwirrung, die sich wegen der Vereinfachung ergab: Nach wie vor sind die komplexeren Zusammenhänge, die wir in der "Sehanleitung" konstruiert haben, voll gültig. Mit dieser Übung habe ich nur einen einzigen Aspekt zur Vergegenwärtigung herausgenommen und verstärkt. 
Einfach gesagt hieß die Übung: Vergessen Sie nicht, dass die Frontalansicht eines Kopfes aus 3 etwa gleichgrossen Zonen + ein bisserl zum Scheitel hin besteht. Die Übung sollte also nicht alles Vorherige ausser Kraft setzen...
Soviel zu der irritiert gestellten Frage, was denn nun gelte, der Daucher oder mein Modell - Beides, da sich da nichts widerspricht...


Studium: (ca. 30-40 Min.)
Für das Studium werden ab jetzt immer mindestens 4 Blätter a 60x40 cm je TN gebraucht, sowie 1 grober Blei- oder Grafitstift. Die Skizzen werden je Posensequenz über- oder nebeneinander auf je ein Blatt gezeichnet.
Unser allabendliches Zeichenritual besteht demnach vorläufig aus dieser Abfolge:
1) Action: 5x1‘ Frontalposen:  Aus dem Bauch drauflos, expressiv, wie es gerade ist, was gerade aus einem kommt.
2) Wahrnehmung: 5x1‘ Frontalposen: Gestisch:  Was sehe ich, flüchtig, grob, ungenau noch, aber wesentlich, was fällt besonders auf? Wohin bewegt sich etwas und warum?
3) Beobachtung: 5x1‘: Frontalposen: Blinde Aussen- und Binnen(kon)tour, genauer, gerne auch fragmentarisch, weil langsam


4) Messen: Mit Holzstab, Geduld und Bleistift, möglichst in natürlicher Grösse:
2x5‘ Messübung mit wechselseitigem Modellsitzen, systematisch


Werk: (min. 1 Std.) 
Thema „Freier Kopf - frontal“
Messübungen und reine Geraden ermitteln die Silhouette des Gegenübers (Foto, Büste, reale Person), die dann mit einer oben erarbeiteten, freien und schnellen Methode kombiniert wird. Es entsteht eine freie Interpretation des Gegenüber.


Hausaufgabe: 
„Freier Kopf - frontal“ fertig zeichnen. 
Bis zum nächsten Mal Abbildungen aller Art von Frontalposen sammeln und mitbringen. 
Mitbringen: Acrylplatte und abwischbarer Stift, Bleistifte HB, 2B und 4B, Holzstab

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