Zur Erinnerung: Immer noch sind wir erst einmal damit beschäftigt, das Anschauen von Menschen zu betrachten. Keine weiteren Qualifikationen, Sonderbegabungen und Zeichentalente sind dabei nötig, sondern nur das, was Sie als Werkzeug immer dabei haben: Ihre Augen und die damit - hoffentlich - verbundenen Verarbeitungsinstanzen (Hirn, Herz und wer weiss was noch alles zusammen...).
Es entscheidet sich meist in den ersten Sekunden, was ein Anblick, ein Modell in uns auslöst und welche Art von Bild oder welche Herangehensweise dann in diesem Augenblick "dran" ist. Meiner Erfahrung nach wird sich eine Entscheidung sogar eher verkomplizieren und womöglich dazu führen, dass man eher nicht zeichnet, wenn man meint viel mehr Zeit für diesen Prozess zu brauchen.
Ausserdem entspricht diese Methode dem, was man unterwegs an Zeit hat, wenn man eine schnelle Skizze eines Mitmenschen im Skizzenbuch festhalten will. Keiner hält lange still...
Setzen Sie also mit Mut auf das, was Sie jetzt und heute können, es ist in jedem Fall genug, um daraus zu lernen. Die von mir vorgeschlagene Vorgehensweise eröffnet Ihnen alle Möglichkeiten des Anfangens, vom lapidaren Hingekritzel bis zur ausgefeilten Konturstudie - die man tatsächlich in einer Minute schaffen kann, sogar mit langsamem Strich. (Wenn Sie wollen, beweise ich das in der nächsten Stunde.)
Und zudem: Eine Minute ist sehr viel Zeit für eine schnelle Studie - aber natürlich sehr wenig Zeit, wenn Sie alles komplett und vollständig erfassen wollen. Also ist es kein guter Plan, in einer Minute alles ins Auge zu fassen, studieren Sie dafür lieber einzelne Elemente: wie sitzt der Kopf auf dem Hals, wo genau endet das Nasenbein, wie biegt sich diese Wange...? Auf diese Weise sammeln Sie Abend für Abend Informationen über Dinge, die uns normalerweise entgehen oder die wir nur flüchtig und summarisch wahrnehmen.
Wir zielen also zunächst auf das Erfassen des Wesentlichen und auf den Mut zur Vereinfachung. bzw diese ominöse Kunst des Weglasssens.
Wen die dahinter zu vermutenden Zusammenhänge der Wahrnehmung (und die Interpretation aus der Warte der Psychologie und Geschichte der Kunst) tiefer interessieren, dem empfehle ich das nicht ganz einfach zu lesende, aber heute immer noch relevante, weil sehr erhellende Buch
Rudolf Arnheim,
Kunst und Sehen - Eine Psychologie des schöpferischen Auges,
De Gruyter, Berlin und New York, Erstveröffentlichung 1954, xte Neuauflage 2000
(hier bei amazon, aber man kann es auch anderswo bestellen...)
Vorgehensweise:
Die Vorgehensweise der ersten Annäherung an ein Modell habe ich ja bereits genauer beschrieben und Ihnen den Text dazu ausgeteilt. Ich begnüge mich hier mit den Stichworten.
Wir werden diese Methode bis zum Ende des Semesters dauernd beibehalten.
Studium eines Modells: (ca. 30 Min.):
Was man braucht:
Für das Studium der Modelle werden insgesamt 4 Blätter a 60x40 cm je TN gebraucht
+ Grober Blei- oder Grafitstift.
Die Zeichnungen jeder Posensequenz werden über- oder nebeneinander auf je ein Blatt ausgeführt (also insgesamt 3 x 60x40cm Blätter pro TN für die Posensequenzen, 1 Blatt für die Messübungen):
5x1‘ Posensequenz 1:
Aus dem Bauch drauflos, expressiv, wie es gerade ist, was gerade aus einem kommt, egal wie gut oder schlecht, eher so schlecht wie möglich - das kann jeder, sofort. Und man kommt dabei irgendwie immer in die Gänge, darum geht es hier.
Zeichnen aus der Ich-Perspektive
5x1‘ Posensequenz 2:
Gestisch - Was sehe ich, noch flüchtig, grob und ungenau? Aber etwas fängt an, mich zu interessieren, etwas schwingt mit mir, etwas fällt mir heute besonders auf am Modell.
Zeichnen aus der Ich-Du-Perspektive
5x1‘ Posensequenz 3:
"Blinde" Aussen- und Binnentour, genauer jetzt und immer am Modell, aber mit Mut zum Weglasssen, zum Fragmentarischen, weil ganz langsam. Das Individuelle, das Spezifische. Details, genau betrachtet.
Zeichnen aus der Du-Perspektive.
Schätzübung mit Acrylplatte:
Was man dazu braucht: Holzstab oder Stricknadel, Lot, Bleistift, Radierer, Schnur, Acrylplatte, abwischbarer Stift
Wechselseitig Modell sitzen und Grössen und Umriss schätzen, einzeichnen, prüfen. Ziel: Die individuelle Silhouette erfassen, d.h. die echte Höhe und Breite inkl. Haare, die besonderen Formen des Kopfes sehen.
Zeichnen aus der Man-Perspektive (allgem. Regeln)
Die Messübungen beginnen zunächst einfachst (nur Höhe:Breite. Brauenlinie, Nasenansatz unten), werden aber im Laufe des Semesters um einige Elemente erweitert.
Hausaufgabe, immer:
Zur Entwicklung des vergleichenden Sehens gibt es nur diesse Übung mit der Acrylglasplatte, täglich 5-20 Min genügen und man ist in ein paar Monaten sehr viel sicherer bei der Einschätzung von Grössenverhältnisse - was für das Erreichen von Ähnlichkeit unerlässlich ist.
PRAXIS:
Spiel: (ca. 15 Min.)
1) Warmups auf eigene Faust (5 Min Linien, Bögen, alles, was wir kennengelernt haben),
2) mehrere schnelle Frontalskribbels des Modellkopfes, Einprägen des Proportionsschemas
Studium: (ca. 30 Min.)
5x1‘ Posen - Aus dem Bauch
5x1‘ Posen - Gestisch
5x1‘: Posen - Blind
Werk: (Restl.Zeit):
Sachzeichnen der Frontalansicht eines menschlichen Schädels.
Erste Annäherung. Hier ist der Herangehensmodus völlig anders als bei den schnellen Posen.
Ich erinnere nochmal an 2 wichtige Werkzeuge, die wir in den vergangenen Semstern kennengelernt haben:
1) Aspekte des Körperlichen, die wir in Zeichnen 1 / Einheit 3 kennenlernten.
Zur Erinnerung, die Aspekte sind:
F - Format (evtl. kurze Kompositionsskizze, Notan)
M - Messen, Grössenverhältnisse, Proportionen
P - Perspektive,
Ü - Überschneidungen, Grundfiguren
K - Konturen,
V - Volumen,
L - Licht/Schatten, Textur
2) das Proportionsschema der Frontalansicht.
![]() |
| Worauf Sie besonders schauen sollten oder was Ihnen beim Zeichnen behilflich sein kann |
Zur Erinnerung: Wir üben erst das Hinschauen und Benennen, die perfekte Zeichnung eines Schädels ist Fernziel...
Wenn Sie langsam und systematisch darangehen wollen, bietet sich folgendes Vorgehen an:
1) Klären Sie die Platzierung und Grösse der Zeichnung auf dem Blatt. Reale Grösse, zentral angeordnet bietet sich bei der Sachstudie an. Blattformat 20x30 oder 30x40. Machen Sie trotzdem zur Vergewisserung ruhig ein schnelles Skribble in der Art eines Notans, dass Sie erkennen, wie es am Ende aussehen könnte.
2) Entweder Sie konstruieren mit den Regeln des Proportionsschemas zuerst alle markanten Stellen der Ansicht vorab und schaffen sich so ein mit dünnen Linien angelegtes Beobachtungsgerüst, in das Sie die genaueren Beobachtungen an die richtige Stelle eintragen (das empfehle ich), oder Sie üben die mit der Acrylplatte verbesserte Schätzfähigkeit und legen die markanten Linien (Höhe, Breite, Brauenlinie, Nasennsatz) wie gelernt mit dünnen Linien an. Man kann auch beide Methoden verbinden.
Eine weitere Methode kann das erweiterte Blindkonturzeichnen sein, bei dem Sie präzise "blinde" Beobachtung und zart markiertes Proportionsschema miteinander verbinden. Ist aber schwierig und riskant, weil zu sehr auf Details und komplexe Überschneidungen fixierend.
3) Vereinfachen Sie zunächst die Formen auf Grundkörper, wie z.B. die beiden unterschiedlichen Radien der oberen und unteren kugeligen Formen des Schädels in der Frontalansicht. Zeichnen Sie ohnehin erst einmal so einfach wie möglich mit Geraden und vereinfachten Konturen.
4) Konzentrieren Sie sich auf wenige Beobachtungen, die Sie langsam und geduldig einzeichnen, etwa nur die Lage und Form der Augenhöhlen, oder der Wangenknochen. Die spezifische Form der Stirn und der Schädeldecke kann ein anderes Thema sein. Suchen Sie sich ruhig nur Teilgebiete, die Sie in aller Ruhe betrachten. Das Sehen ist vorerst wichtiger als die Zeichnung.
Weniger ist hier wie so oft mehr.
Weniger ist hier wie so oft mehr.
Ergebnisse des Abends:










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